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Kolumne "Mitten in ...":"Das lässt sich doch alles auswaschen"

Mitten in den ICE-Zügen 375, 1600 und 788. Wo ratlose Reisende neue Fachbegriffe lernen und andere ratlose Reisende sich fragen, wieso ein stinkender Schauer auf sie niedergeht.

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Mitten in ... einem Abteil des ICE 788

Es regnet. Nicht draußen vor dem Fenster, sondern über dem eigenen Sitz im Zug von München nach Hamburg. Und diese Dusche stinkt. "Kühlwasser?", mutmaßt die Mitreisende. "Nein", meldet sich ein Herr im feinen Anzug. "Das ist Rum. Und zwar ein guter." Da sei ihm wohl die oben verstaute Flasche ausgelaufen. Und während man noch den Zopf wringt, die Jeans abtupft und sich sorgt, mit welcher Fahne man nun ankommen wird, ist er sich sicher: "Das lässt sich doch alles auswaschen". Und dann, gönnerhaft: "Also, ich gebe Ihnen gerne einen Drink im Bordrestaurant aus." Na klar, es braucht jetzt noch mehr Alkohol und noch mehr solche Gesellschaft. Schnell auf ein trockenes Plätzchen flüchten. So merkt die Reisende erst später, wer die Einladung auf einen Drink angenommen hat: Auf dem nassen Platz sitzt ein Hund und leckt sich die feuchten Pfoten.

Kia Vahland

SZ vom 8. März 2019

Mitten in

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Mitten in ... einem Abteil des ICE 1600

Der ICE nach Berlin hat gerade den Bahnhof Erfurt verlassen, da hängt die zugestiegene junge Frau bereits am Handy: Sie würde gern zum Glossing kommen, was das koste. 60 oder 80 Euro? Ah, sehr gut. Ihre Mitreisenden schauen ratlos: Verhandelt sie über neueste Schmink-Rituale? Oder geht es um Lackierarbeiten? Den vielen Fragen nach zu urteilen, die sie stellt, scheint so ein Glossing eher kompliziert zu sein. Nachdem das Telefonat beendet ist, platzt es aus der Sitznachbarin heraus: "Können Sie mir bitte verraten, was Glossing ist?" Die Menschen neben ihr nicken, ja, das würden sie auch gern wissen. Da zeigt die junge Frau auf ihre blondierten Haare, die seien so gelbstichig. Mit einem Glossing würden sie heller, strahlender und silbriger. Silbriger? Die Dame neben ihr sagt: "In meinem Alter müssen Sie dafür nicht zum Friseur, das geht ganz von allein."

Josef Grübl

SZ vom 8. März 2019

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Mitten in ... einem Abteil des ICE 375

In der ersten Klasse sitzt man trocken und warm, und manchmal stimmt alles: Ein Mann bringt Kaffee, eine Frau reicht Brezen, keine Dauertelefonierer, keine fröhlichen Nordhessen. Dann hakt es in Frankfurt, wir warten auf verspätete Züge. Ein abgerissener Mann schlurft von Platz zu Platz, bittet unaufdringlich um ein paar Euro. "Jetzt aber raus hier!", schreit einer wutentbrannt. Dann steigt ein Rucksackträger zu, er redet vor sich hin. Die Mitreisenden brummeln: "Wann geht es endlich weiter, da waren ja die Züge in der DDR pünktlicher, wofür zahlt man überhaupt?" Der Rucksackmann bläst ein paar Takte auf der Mundharmonika an. Eine Frau will ihn zur Ordnung rufen, geht aber einige Sitzreihen zu weit und giftet uns an: "Wer lärmt denn hier rum? Das geht ja gar nicht, ich hab so'n Hals." Man sitzt trocken in der ersten Klasse, aber es ist frostig geworden.

Wolfgang Janisch

SZ vom 8. März 2019

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Mitten in ... München

Eine Riesen-Wasser-Pumpgun. Neonorange und weiß, ein echt fettes Teil. Die Viertklässler auf ihrem Stadtausflug nähern sich vorsichtig. Fachgespräche: "Die geht krass weit." "Mein Cousin hat auch so eine." Aber wem gehört die jetzt bloß? Und warum liegt sie hier am Viktualienmarkt einfach so herum, auf dem Tresen eines Grill-Imbisses? Vielleicht hat sie einer der Besucher vergessen, die warm eingepackt an den Tischen draußen sitzen? Ein Junge wagt sich einen Schritt näher, um das monströse Gerät zu inspizieren. Da schießt aus dem Lokal ein älterer Bayer heraus. Anscheinend vom Personal. Speckige Lederhose, funkelnde Augen. Er packt die Waffe, ruft: "Hasta la vista, Baby!" Schreckgeweitete Schüleraugen. Dann zielt er - auf ein Taubenpärchen, das sich gerade auf einem Tisch niederlassen wollte und nun aufgeregt davonflattert.

Mareen Linnartz

SZ vom 1. März 2019

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Mitten in ... Istanbul

500 Check-in-Schalter, welcher ist der richtige? Hier, sagt ein Assistent und weist den Weg durch die menschenleere Halle zum einzig offenen Counter. Ich habe den neuen Istanbuler Riesenflughafen fast für mich. Soft Opening nennen sie das, eine schöne Umschreibung dafür, dass sie den Umzug nicht gebacken kriegen. Noch immer herrscht Probebetrieb, ein paar Flüge pro Tag, ohne Duty-free-Versuchung, die Regale sind leer. Man schaut, was die wenigen anderen Passagiere machen, und hält ebenfalls das Handy in die Höhe. Nur das erschöpfte Putzpersonal auf einer Empore passt nicht ins leere Bild. Plötzlich ein Zwitschern, Vögel fliegen durch die Halle, vielleicht in nostalgischer Erinnerung daran, dass hier einst eine Zugvogelroute verlief. Es gibt also Kreaturen, die sich freuen, dass der Flughafenumzug gerade zum dritten Mal verschoben wurde.

Christiane Schlötzer

SZ vom 1. März 2019

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Mitten in ... Wadi Rum

Auf der Pritsche des Jeeps schubbert man durch die Landschaft, in der einst "Lawrence von Arabien" gedreht wurde. Nichts als Sand und Felsen. Riesige Steinformationen, wie zufällig in der Wüste verteilt. Man könnte jetzt innehalten ob der Einsamkeit in der kargen Landschaft. Doch man staunt. Über die Lässigkeit des Beduinen Saleh, der den Jeep fährt. Über die Vielzahl an anderen Jeeps, auf deren Pritschen andere Touristen sitzen, die - genau wie wir - das Jordanien-Standardprogramm absolvieren, Felsenstadt Petra, Wüste Wadi Rum, Amman oder Akaba, drei Nächte, dann erlässt einem die Regierung die Visagebühren. Während eines kurzen Stopps, bei dem Saleh mit dem Smartphone ein Erinnerungsfoto von uns macht, klatscht er mit einem anderen Beduinen ab. "Das ist mein Bruder", sagt er. "Der arbeitet in derselben Company wie ich."

Oliver Klasen

SZ vom 1. März 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Passau

Mittagspause im Gericht. Knapp bemessen, aber für eine Leberkässemmel wird es reichen. Ich sehe sie schon vor mir. Der Leberkäs mit schöner Kruste, in einer reschen Bäckersemmel. Metzgereien gibt es hier bestimmt an jeder Ecke. Oder nicht? Hier gleich rechts: Pizza, Pasta. In der Grabengasse: Burger, Chicken Wings. Nichts gegen ein gutes Fleischpflanzl, aber diese Labbersemmeln - nein. Die Umami-Bar: Ingwer-Schnittlauchnudeln, Misosuppe. Café Emotions: vegane Woche, heute Eiweißbrot mit Avocado-Aufstrich. Bistro Papillon: Wirsingsuppe, Lauchquiche. Zwei, drei Dönerbuden. Eine Crêperie. Bio-Imbiss: Blumenkohlbratlinge. Noch 'ne Crêperie. Da, endlich, am Residenzplatz: Metzgerei-Imbiss. Aber: die Tür verrammelt, die Scheiben mit Packpapier verklebt. Gab wohl zu wenig Kundschaft. Hungrig zurück ins Gericht.

Hans Holzhaider

SZ vom 22. Februar 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Beppu

Wo sind wir denn hier hingeraten? Angeblich ist Japan ein sicheres Reiseland, doch ein Warnschild verheißt nichts Gutes: "Ein schweres Verbrechen wurde hier begangen. Bitte treffen Sie Vorsichtsmaßnahmen für Ihre Sicherheit. Betreten Sie das Gelände nicht alleine oder in einer Frauengruppe, besonders nicht bei Nacht." Das Schild steht nahe Beppu an einem Weg zu einem Onsen in freier Natur. Onsen sind Thermalbäder, die es in Japan in fast jeder Stadt gibt. Meist sind sie nach Geschlechtern getrennt, in der Wildnis hingegen dürfen Männer und Frauen gemeinsam baden, nackt, versteht sich. Im Winter im Wald in einem heißen Becken sitzen - klingt verlockend, wäre da nicht das Schild. Dann lieber nicht baden. Oder doch? Auf Nachfrage hören wir: Hier wurde eine Frau ermordet. Was nicht auf dem Schild steht: Das ist neun Jahre her und der Täter längst gefasst.

Jacqueline Lang

SZ vom 22. Februar 2019

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Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Padua

Der Tank ist leer. Sträflich leer abends mitten in Padua. Noch 30 Kilometer zeigt der Bordcomputer, könnte gerade so reichen, mit ein bisschen Glück. Doch nach zwei Kilometern Fahrt sind plötzlich nur noch 20 übrig. Die Rettung in der Via Sorio: eine 24-Stunden-Tankstelle. Karte in den Automaten geschoben, aber nichts geht. Vorgang abgebrochen. Auch der zweite Versuch scheitert. Da ruft ein Mann unter seinem Motorradhelm hervor: "Credit Card?" Seine Maschine steht neben ihm, startklar. "Si!", rufe ich erstaunt zurück. "Aspetta", sagt er nur, warte mal, dreht sich um - und schließt die Tür zum Tankwarthäuschen hinter sich wieder auf. Nach kurzer Zeit taucht der Helmkopf in der Tür auf, bedeutet mir, nun zu tanken. Dann zahle ich im Tankwarthäuschen. Mit Kreditkarte. Er schließt ab und startet seine Maschine. Grazie.

Reymer Klüver

SZ vom 22. Februar 2019

Mitten in Jerewan

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Eriwan

Da steht man also am Flughafen von Eriwan, mutterseelenallein, um vier Uhr morgens. Die russisch sprechende Begleiterin hat den Flug verpasst, aber zumindest der Fahrer wartet, Gott sei Dank. Der Mann legt den Kopf schief, hebt zwei Finger - warum kommt nur eine? "She missed the ..." Er schüttelt den Kopf, kein Englisch. Im Auto hat er eine Idee. Er spricht auf Russisch ins Handy, die Übersetzungsapp zeigt deutsche Wörter, die leidlich verständliche Sätze ergeben. So verbringt man den nächsten Tag, mit Blick auf den Ararat, beim Genozid-Mahnmal. Er möchte noch den Rummelplatz zeigen, wo am Karussell Elefanten kreiseln und man am Schießstand auf Wildschwein, Hase oder Osama bin Laden zielt. Dann kommt der Eisverkäufer. Der Fahrer spricht ins Handy, es übersetzt. "Ich will dich mit Eiscreme lieben." Es gibt Vanille mit Haselnuss.

Monika Maier-Albang

SZ vom 15. Februar 2019

Mitten in Garmisch

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Garmisch

Ein Samstag im Winter, die Schlangen an den Skiliften sind lang. So lang, dass man sich im Pulk um die gelb-roten Schilder mit "Langsam - slow - rallentare" herumschieben muss, immer die Frage im Kopf: Geht's auf der Außenbahn schneller? Oder soll man möglichst eng am Schild vorbei? Ein kleiner Junge macht es ganz anders, er rutscht einfach drunter durch. Seine Schwester zögert kurz und schiebt sich hinterher. Von da an gibt es kein Halten mehr. Je sportlicher der Fahrer, je schnittiger das Outfit, desto wahrscheinlicher ist, dass er sich vordrängelt und so zehn Minuten spart. Und mit jedem Kurvenschneider steigt die Wahrscheinlichkeit, dass auch der nächste die Abkürzung wählt. Dann kommt eine Gruppe Skifahrerinnen. Sie schieben sich vorbildlich um die Kurve. Nach ihnen bleiben alle wieder in der Spur. Rallentare.

Barbara Vorsamer

SZ vom 15. Februar 2019

Mitten in Caracas

Quelle: Marc Herold

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Mitten in ... Caracas

Wer über die Krise in Venezuela spricht, darf nicht von dem Burger King in Caracas schweigen, in dem es "leider kein Fleisch" gibt. "Pommes und Coca-Cola können wir heute anbieten", sagt die Frau an der Kasse. Cola gibt es allerdings auch in einer der Apotheken, die leider keine Medikamente haben. Noch schwieriger, als die gewünschten Produkte zu finden, ist es manchmal, sie nach erfolgreicher Suche zu kaufen. Das Bargeld der Landeswährung Bolívar ist praktisch ausgegangen, alles (außer den Löhnen) wird jetzt in Dollar bezahlt. Der Kurs schwankt immens und wird wegen der Jahresinflation im Millionenbereich täglich angepasst - außer sonntags. An einem Sonntag in einer Apotheke: "Eine Cola, bitte!" "Heute können wir Ihnen das nicht verkaufen." "Warum? Sie haben doch geöffnet." "Ja klar, aber heute wissen wir nicht, was es kostet."

Boris Herrmann

SZ vom 15. Februar 2019

© SZ/edi

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