Kolumne "Mitten in ...""Zehn Briefmarken und ein Katzenvideo, bitte"

In Leipzig kann die Schlange am Postschalter gar nicht lang genug sein. Und in Tokio warten Eisenbahner sehnsüchtig auf ein Haushaltsgerät.

Mitten in ... Leipzig

Wer mal eben ein Paket aufgeben will, der kann das in einer dieser kleinen Postfilialen tun, die halb Schreibwarenladen, halb Eckkneipe sind. Hinter dem gelben Tresen steht meist eine einzelne Person, die zu Stoßzeiten gleichermaßen Zalando-Retouren und den Zorn der Wartenden zu empfangen hat. Nicht so im Leipziger Süden, dort stehen die Kunden stets brav in einer Reihe, Kartons an den Bauch gepresst, Kuvert unter dem Arm, stumm den Blick geradeaus gerichtet. Neben dem Postschalter hängt ein Bildschirm, auf dem lustige Tiervideos flimmern. Sie sollen die Zeit verkürzen. Bulldogge in der Hängematte. Zicklein öffnet Autotür. Spitz planscht in Toilettenschüssel. Kaiman kriegt den Bauch gekrault. Golden Retriever fährt Eisenbahn. Die Dame hinter dem gelben Tresen räuspert sich: "Entschuldigung, der Nächste bitte." Niemand reagiert, hypnotisierte Schlange.

Ulrike Nimz

SZ vom 16. November 2018

Bild: Marc Herold 25. November 2018, 06:312018-11-25 06:31:47 © SZ/edi