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Indien-Reisetipps:Gib, verrückte Mutter!

Indien mit seinen Farben, Gerüchen, seinem Lärm ist ein Ansturm auf alle Sinne. Wer durch dieses Land reist, erlebt garantiert etwas. Unsere Autoren erinnern sich an ihre beeindruckendsten Begegnungen.

Von Win Schumacher

1 - Bootsfahrt in den Backwaters. Kokospalmen neigen sich ins Wasser wie in der Südsee, am Kanalufer klopfen Bäuerinnen in grellbunten Saris zwischen lilafarbenen Wasserlilien ihre Wäsche. Gemächlich geht es im Hausboot dahin auf diesem verzweigten Wassersystem aus 44 Flüssen, unzähligen Kanälen und kleinen Seen, das durch Wehre vom Meer getrennt ist. Das Leben spielt sich hier schon seit jeher auf 1500 Kilometer langen Wasserwegen ab. Längst wird das ursprüngliche Ökosystem aus Feuchtwäldern und Mangroven auch landwirtschaftlich genutzt mit Reisfeldern, Kokos-, Cashew- und Kautschukplantagen. Kapitän Kurian nennt seinen Kettuvallam "mein genähtes Boot", weil diese Boote früher nur von Kokosfaserseilen zusammengehalten und mit Cashewöl abgedichtet wurden. Heute sind die einstigen Lastkähne komfortable Hausboote für Touristen. Es lohnt sich, ein paar Nächte an Bord zu bleiben, um vom Vembanad-See in die Kanäle zu fahren, wo man bald alleine unterwegs ist. Dann herrscht friedliche Stille. Morgens wird man von Vogelgezwitscher geweckt, es duftet nach Poori Bhaji, dem Frühstücksbrei mit Ingwer und Chili, und der Lärm der Städte ist weit weg. Von den Problemen des Landes bekommt man hier nichts mit, etwa dass Frauen unterdrückt werden und für das Recht, einen Tempel zu betreten, kämpfen müssen. Margit Kohl

2 - Achtsamer Aufstieg. Sie leben streng vegetarisch, lehren strikte Gewaltlosigkeit gegenüber Mensch und Tier und fürchten sogar, versehentlich auf ein Insekt zu treten. Die Religion der Jains ist von höchstem Respekt vor allem Leben geprägt. Eines ihrer wichtigsten Heiligtümer ist der Girnar, der höchste Berg Gujarats. 10 000 Stufen führen hinauf zu bunten Tempeln und Statuen, vorbei an frechen Rhesusaffen, die es auf den Proviant der Pilger abgesehen haben. Amba, Mutter Erde, ist eine der wichtigsten Göttinnen, als Zeichen ihrer Macht reitet sie auf einem Löwen. Im Wald von Gir haben die letzten Löwen Asiens überlebt. Wer die Möglichkeit dazu hat, sollte an einem Feiertag den Aufstieg wagen, etwa beim Frühlingsfest Holi, wenn sich die Hindus mit leuchtenden Farben überschütten. Noch eindrucksvoller ist ein Besuch zum Shivaratri, der Nacht des Shiva. Dann finden sich mehr als eine Million Pilger am Girnar ein. Meditierende Naga Sadhus, nackte, aschebeschmierte Asketen, säumen dann die Treppenstufen zum heiligen Berg. Win Schumacher

Sadhu - indian holymen sitting in the temple

Erleuchtung mit Sonnenbrille: Sadhus, Indiens heilige Männer, streben nach höherer Erkenntnis. Ein Zustand, den nur erreicht, wer allem Weltlichen entsagt. Modische Accessoires sind davon anscheinend ausgenommen.

(Foto: Getty/hadynyah)

3 - Maharana schlägt Maharadscha. Den Monsunpalast von Udaipur ließ der Maharana einst als astronomisches Zentrum planen, um zur Monsunzeit die Wolken zu beobachten. Allein der Name bringt heute noch viele zum Träumen, denn mit seinen Palästen und Seen gehört Udaipur zum Schönsten, was Rajasthan zu bieten hat. Im weißen Schlösschen des Lake Palace Hotels, das wie ein Floß mitten im Pichhola-See schwimmt, kann man sich wie im Film fühlen. Schon 1958 hat hier Fritz Lang den "Tiger von Eschnapur" und "Das indische Grabmal" gedreht, und 1983 gab es für James Bond in "Octopussy" die Kulisse ab. Gegenüber steht der mächtige, 2,5 Kilometer lange Stadtpalast, in dem noch bis 1956 der Maharana von Mewar regierte. Eigentlich ist der 74-jährige Arvind Singh Mewar heute lediglich ein wohlhabender Staatsbürger, was seine Freunde, die ihn Shriji nennen, natürlich völlig anders sehen. Schließlich war sein Vater noch ein Maharana, kein Maharadscha. Ist Letzterer gleichbedeutend mit einem großen König, ist ein Maharana obendrein auch noch ein großer Krieger. Mit dem Unterschied, dass es für Shriji heute ganz andere Schlachten zu schlagen gilt. "So eine Riesenanlage muss man erst mal in Schuss halten", klagt der Erbe. Weshalb er sich in einen Trakt des Palastes zurückgezogen hat, um den Rest als Museum und Hotel zu betreiben. Und so können heute auch seine Gäste wie ein Maharana wohnen, wenn auch nur auf Zeit. Margit Kohl

4 - Meditieren wie die Beatles. Wer fliegen lernen wollte, ging in den Sechzigerjahren zu Maharishi Mahesh Yogi. Der indische Guru lehrte auch auf Reisen in den Westen die transzendentale Meditation als einem Weg zu Glück, Erfüllung, der Quelle der Schöpfung und dem yogischen Fliegen. Das klang auch für vier Musiker aus Liverpool verheißungsvoll, und so folgten die Beatles dem Mann mit dem Rauschebart bis nach Rishikesh ins "Tal der Heiligen" am Fuße des Himalaja. Der Guru hatte auf von der Forstverwaltung gepachtetem Land die International Academy of Meditation bauen lassen. Mit riesigem Gefolge - unter anderem die Kollegen Donovan und zwei Beach Boys - rückten die Beatles im Februar 1968 für ein paar Wochen an. Weil die Beatles hier ihre produktivste Phase hatten und fast 50 Songs schrieben, von "Revolution" bis "Ob-La-Di, Ob-La-Da", pilgern bis heute nicht nur Yoginis in die heilige Stadt, sondern gerade Popfans. Viele Jahre lang musste man einen Wächter am Zaun mit 50 Rupien bestechen, um in den verlassenen, vom Dschungel überwucherten Aschram am Rande des Tigerreservats zu kommen. Die bienenstockförmigen Behausungen namens Puri, in denen John, Paul, Georg und Ringo meditiert und Sitar gelernt haben, musste man selbst suchen. 2015 hat die Regierung die Gebäude wieder übernommen und gesichert. Graffitikünstler haben beliebte Fotomotive wie die eiförmigen Kuppeln am Dach der Meditationshalle aufgehübscht, momentan läuft eine Beatles-Fotoausstellung. Der Eintritt ist nun offiziell und knapp acht Euro teuer. 5 Auf Moglis Spuren. Michael Zirnstein

5 - Auf Moglis Spuren. King Louie und seine Affenhorde haben sich um den Safari-Wagen versammelt. Neugierig äugt eine Affenbande Languren zu den Touristen hinüber, lässt sich aber nicht lange von dem angekarrten Menschenvolk von ihrem Räuber- und Gendarm-Spiel ablenken. Ihre Mütter behalten die Umgebung jedoch aufmerksam im Auge. Lauert etwa Kaa, der Riesenpython, im Gebüsch? Oder schleicht sich vielleicht sogar Baghira, der Panther, aus einem Hinterhalt an? Die Touristen sind jedoch vor allem wegen eines anderen Dschungelbewohners gekommen. Alle wollen sie einen Blick auf Shir Khan, den Tiger, erhaschen. Die verwunschenen Wälder von Pench im Süden Madhya Pradeshs sollen Rudyard Kipling einst zu seinem "Dschungelbuch" inspiriert haben. Und noch heute können Besucher hier Indiens fantastische Tierwelt ganz aus der Nähe beobachten. Anders als etwa in Ranthambore oder Bandhavagarh ist der Pench-Nationalpark noch nicht so überlaufen. Und die Chancen, Königstiger zu beobachten, stehen in Pench genauso gut. Win Schumacher

6 - Blut und Blumen. "Und wenn dann der Kopf fällt, sag ich: Hoppla!", heißt es in Bertolt Brechts "Dreigroschenoper". Ähnlich abgebrüht sollte sein, wer dem Kali-Tempel in Kolkata einen Besuch abstattet. Schwarze Ziegen erleiden hier täglich dieses Schicksal, denn die Schutzgöttin Kolkatas ist mit Blumen und Gebeten allein nicht zu besänftigen. Wer diese Stadt verstehen will, muss ihr ins schwarzes Herz schauen, und das schlägt im alten Kalighat-Tempel, der noch archaischer ist als der monumentale Dakshineswar-Tempel. Im Tempelinneren thront Kali als schwarze Figur mit einer Totenschädelkette um den Hals und streckt einem ihre feuerrote Zunge entgegen. Der Legende nach ging sie gern ungesehen nachts auf Dämonenjagd, um so die Seelen der Menschen zu retten. Im Blutrausch hätte sie jedoch beinahe ihren eigenen Mann geköpft. Als sie im letzten Augenblick den Irrtum bemerkte, zeigte sie vor Scham die Zunge. "Unsere verrückte Mutter, die nimmt und gibt, gibt und nimmt", heißt es in einem Gebet. Und so verstehen auch die Kunsthandwerker im Stadtteil Kumartuli ihren Job. Aus Schlamm des Hugli-Flusses modellieren sie Kalifiguren, die bei großen Prozessionen im Hugli wieder zu Schlamm werden. Es ist ein ewiger Kreislauf von Werden und Vergehen. Margit Kohl

7 - Laboratorium der Zukunft. Rote Erde, üppige Gärten, futuristische Bauten und Baumhäuser versteckt im dichten Dschungel - kaum zu glauben, dass hier vor 50 Jahren noch Ödland war. Damals kamen Hippies und westliche Weltverbesserer nach Südindien und gründeten in der Nähe von Chennai die Siedlung Auroville, die eines Tages zur "Stadt der Zukunft" werden soll. Für 50 000 Bewohner geplant, leben nur 3000 Menschen aus 50 Nationen in dem Ort, in dem es keine Polizei, keinen Bürgermeister, keinen Grundbesitz und keine Hierarchien gibt. Doch Auroville ist kein Aussteigerparadies und kein Aschram für Spinner. Utopia ist harte Arbeit. Die Vision eines Lebens im Einklang mit der Natur muss gegen Korruption, Geldmangel und die zuweilen anstrengende Basisdemokratie verteidigt werden. Vieles, was in Auroville entsteht, ist nicht auf den ersten Blick zu sehen, es liegt versteckt im Wald. Doch das Besucherzentrum bietet geführte Touren an. Gäste können an Yogakursen, Meditationen und Kulturveranstaltungen teilnehmen. Noch lieber wird allerdings praktische Mithilfe gesehen - möglichst für ein paar Monate. Jutta Pilgram

© SZ vom 07.02.2019
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