Hippie-Paradies Goa An den Stränden der Blumenkinder

Die Sitten sind lockerer in Goa als im Rest von Indien. Mit dem dreisten Auftreten vieler Gäste gibt es trotzdem Probleme.

Die ersten Hippies kamen in den sechziger Jahren nach Goa, die ersten deutschen Pauschalurlauber folgten in den Achtzigern. Heute überwintern in Goa preiswert Rentner aus Wuppertal und Dresden, und Briten schenken in ihren Kneipen Ale und Guinness aus.

Auf begrünten Hügeln und am Strand entstehen zwischen Kokospalmen und Reisfeldern weitere Luxushotels. Indische Filmstars entspannen sich in ihren Villen.

In der bis 1961 portugiesischen Kolonie leben noch heute neben Hindus viele Katholiken. Der Lebensstandard ist für indische Verhältnisse hoch, aber riesige Einkaufszentren gibt es nicht. Auch Kampftrinker-Wettbewerbe mit lautem Gegröle sind in Goa bisher unbekannt.

Dennoch ärgert sich mancher Einheimische über das dreiste Auftreten einiger Gäste: Auf Rave-Partys dringt an vermeintlich einsamen Stränden ohrenbetäubende Musik aus großen Lautsprechern und raubt Fischern und Schulkindern den Schlaf. Die Polizei rückt an und schreitet meist rigoros ein.

Mittwochs steht am Anjuna-Beach der Flea Market an, auch "Hippie Market" genannt. Curry, Zimt und Kardamom duften aus geöffneten Säcken. Frauen und Männer aus ärmeren nördlichen Regionen wie Kaschmir und Rajasthan haben auf bunten Tüchern im Sand und auf dem Rasen Kleidung und Kunsthandwerk ihrer Heimat ausgebreitet.

Ein Alt-Hippie aus New York mit langen, angegrauten Haaren verkauft Sandalen, weite Hosen und Blusen - alles gebrauchte Sachen.

Viele Besucher kaufen gar nichts auf dem Markt. Sie kommen, um zu sehen und um - im lässigen Beach-Outfit - gesehen zu werden. Im Strandrestaurant laben sie sich an Rührei, Müsli, Krabbensalat und eisgekühltem Bier.

Am Calangute Strand ein paar Kilometer weiter tippeln Inderinnen in farbenprächtigen Saris bis in Wadenhöhe ins Wasser. Andere tragen Shorts und Bikini. Die Frauen in Goa sind generell lockerer gekleidet als in anderen Teilen Indiens.

Am Strand döst ein junges Paar aus Hamburg, den Kopf auf dem Rucksack. Wenige Kilometer weiter räkeln sich wohlhabende Urlauber am Pool des "Fort Aguada Beach Resort". Der Blick von der Anhöhe ist spektakulär: Ozean, Strand, hochgereckte Palmen und die Ruinen der Festung. Das alles spielt sich am nördlichen Küstenabschnitt Goas ab.

Strandorte wie Arambol und Vagator mit eher schlichten Unterkünften sowie Baga, Calangute und Candolim mit vielen Preisklassen sind etwa 20 bis 40 Motorradminuten von Anjuna entfernt. Von der nahen Goa-Hauptstadt Panaji fährt der Überlandbus in jedes Dorf. Morgens und nachmittags ist er vor allem mit Schulkindern in schmucken Uniformen gefüllt.

Die Ausländer, von denen viele gleich für ein paar Monate in Goa bleiben, sind leicht zu erkennen: Sie haben meist mehrere Einkaufstüten am Lenker ihrer Mietmopeds und fahren in der Regel ohne Hast und ohne Kamera im Gepäck.

Francis Vaz arbeitet im Restaurant "Alexander" in Colva und rechnet vor: "Wenn ein Ausländer geschickt handelt, zahlt er im Monat für ein Häuschen mit Garten und ein Moped zusammen umgerechnet 300 Dollar - in der Nebensaison."

Am Colva Beach stoppen fast alle Ausflugsbusse. Nach den historischen Kirchen und Museen von Alt Goa - heute Weltkulturerbe -, etlichen Hindutempeln und Festungen lockt ein Bad im Meer.

Hier im Süden Goas mit Strandorten wie Benaulim, Varca, Cavelossim oder Mobor beziehen viele Pauschalurlauber und Luxusreisende ihr Quartier. Die Strände sind hell und feinsandig, manchmal auch mit Palmen bestückt und für viele Urlauber sicher ein Traum.

Von den etwa 140 000 Indien-Urlaubern aus Deutschland reisen jährlich knapp 30 000 nach Goa. "Die Tendenz ist steigend", sagt Honorarkonsulin Cecilia Menezes in Panaji. Bis zu 5000 deutsche Rentner bleiben im Winter etliche Monate.

"Wir waren früher arm. Die Hippies brachten uns Geld. Da haben wir viel akzeptiert", erzählt Celestino de Souza. Der 68-Jährige hat vor 40 Jahren die ersten Zimmer seiner "Villa Bomfim" in Baga an die "Blumenkinder" vermietet. "Da hinten waren unsere kleinen Bungalows. Da haben die plötzlich nackt im Garten getanzt, später auch am Strand", erinnert sich der Hotelier.

Dann gibt er seinem Gast eine Botschaft auf den Weg: "Wir freuen uns über alle Urlauber, ob reich oder nicht, ob in Rente oder im Stress. Ihr werdet mit offenen Armen empfangen. Aber bitte respektiert unsere Sitten und Kultur."