bedeckt München 20°

Freerideschlitten:Das Ziel ist Surfen

Um beim Schneeschuhgehen mehr Spaß zu haben, hat Dieter Blessing einen Tiefschneeschlitten erfunden. Eine Probefahrt am Wallberg.

Von Hans Gasser

Die Leute schauen ihm hinterher. Sobald Dieter Blessing seinen Schlitten von der Bergstation zur Kapelle am Wallberg hinüberzieht, verrenken sich Normalrodler und Aussichtstouristen den Hals. "Was ist denn das für ein Gefährt?", fragt einer. Oder: "Wie bremst man damit?" Blessing antwortet bereitwillig und drückt den Interessierten eine Postkarte in die Hand, auf der alles Wissenswerte zu seinem "Snowbraker" zusammengefasst ist. "Das ist immer so", sagt er, "und es freut mich natürlich."

Dieter Blessing, etwa Mitte sechzig ("Da habe ich aufgehört zu zählen"), ist der Erfinder des ersten Tiefschneeschlittens. Drei Jahre hat der Ingenieur daran getüftelt, wie man einen für gepressten Schnee gemachten Schlitten fit für Pulverschnee, Firn oder auch Bruchharsch machen kann. "Die Idee kam mir bei einer Skitour in Damüls, als ich sah, wie Schneeschuhgänger zuerst hinauf- und dann den herrlichen Pulverschneehang wieder hinunterstapfen mussten." Nach mehreren Prototypen, mit denen er die steile Diavolezza-Abfahrt hinunterfuhr, kam er zur finalen Form seines "Snowbrakers": An sehr leichte Alukufen hat er links und rechts je ein halbes Snowboard angebaut, das im tiefen Schnee Auftrieb gibt. "Das Wichtigste sind aber die Bremsen", sagt Blessing, "der Schlitten muss bei jeder Schneeart brems- und kontrollierbar sein." Also hat er vorne breite Pedale montiert, die unten Stahlzacken haben: Drückt man beide, bremst der Schlitten, drückt man nur eine, fährt er eine Kurve.

Auch im frischen Pulverschnee am Haldigrat in der Schweiz hat der Schlitten genug Auftrieb.

(Foto: Snowbraker)

So weit die Theorie. Blessing will nun hier am Wallberg, der für seine schöne Rodelbahn und Aussicht bekannt ist, in die Tiefschneeschlitten-Bedienung einführen. Natürlich nicht auf der Rodelbahn, obwohl der Schlitten das auch kann, sondern ausschließlich im Gelände. Mit Schneeschuhen stapft Blessing auf den benachbarten Setzberg, der Schlitten wird hinten am Rucksack mit einem Seil befestigt und gezogen. Das geht erstaunlich gut. Das Gerät sieht groß aus, wiegt aber nur knapp acht Kilo.

Das Gefühl, Pionier zu sein: Sogar von Viertausendern ist er bereits abgefahren

Eine Schneeschuhgängerin, die den steilen Schattenhang von oben herunterkommt, sagt mit Blick auf den Schlitten: "Nein, nein, da hätte ich viel zu viel Angst. Ich geh lieber so runter." Blessing prüft mit seinem Stock den Schnee, der nach oben hin immer pulvriger wird: "Das wird gut", sagt er, und: "Ein bisschen Abenteuerlust braucht es schon für meinen Schlitten."

Davon hat er selbst genug. Er ist als junger Mann schon mit dem Auto bis nach Indien gefahren, und als ihm sein Arbeitgeber IBM kein Sabbatical genehmigte, hat er gekündigt und mit seiner Freundin erst mal eine einjährige Weltreise unternommen. "Ich bin halt etwas nomadisch veranlagt." Mit seinem Schlitten ist er schon Viertausender wie das Strahlhorn in der Schweiz heruntergefahren. "Du schaust auf das Matterhorn, während du mit dem Schlitten fährst und weißt: Du bist der Erste, der das je gemacht hat - und es funktioniert!"

Tiefschneeschlitten

Dieter Blessing hat lange an seinem Schlitten aus Carbon und Fiberglas sowie zwei halben Snowboards getüftelt. Mit den zwei orangen Bremspedalen kann man auch steuern.

(Foto: Hans Gasser)

Am Gipfel des Setzbergs, der zweieinhalb Kilometer niedriger ist als das Strahlhorn, kommen die Schneeschuhe und Stöcke auf den Rucksack. Nun wird sich zeigen, ob die Einweisung, die Blessing vorher an einem weniger steilen Hang gegeben hat, auch hier Wirkung zeigt. Er erklärt noch einmal die zusätzliche Hilfsbremse, ein Seil, das an beiden Pedalen befestigt ist und mit dem man durch Ziehen die Bremskraft noch verstärken kann. "Du musst jetzt alles vergessen, was du über Skifahren und Rodeln weißt", sagt Blessing. Wenn der Hang so steil sei wie hier, gehe es nicht darum, Kurven zu fahren, sondern "direttissima" runterzuheizen. "Aber ganz kontrolliert!"

Das ist erst einmal nicht so einfach. Zieht man die Bremskordel zu stark, bleibt man im Schnee stecken, wenn es nicht ganz steil ist. Drückt man die Pedale zu einseitig, fährt man eine ungewollte Kurve. Es kommt, wie beim Autofahren, auf die Dosierung an. Hat man das mal raus, ist es erstaunlich, wie gut der Schlitten durch den tiefen Schnee pflügt. Vorne wirft sich ein kleiner Schneewall auf, "Bremsschnee", nennt Blessing das. An der steilsten Stelle heißt es mit aller Kraft in die Pedale treten und die Kordel ziehen, damit der Schlitten nicht zu schnell wird. Ein abruptes Bremsmanöver führt in einer kleinen Mulde zu einem Salto, was wegen des weichen Schnees nicht schlimm ist. Der "Snowbraker" ist mit Fangleine am Rucksack befestigt, damit er nicht einfach ohne seinen Piloten ins Tal fährt.

"Es ist ein bisschen wie beim Reiten: Wenn das Pferd einmal durchgegangen ist, kannst du es nicht mehr halten", sagt Blessing, als wir wieder am Fuß des Setzbergs sind. Im schlimmsten Fall müsse man sich vom Schlitten runterwerfen.

Damit die Leute seinen doch etwas gewöhnungsbedürftigen Schlitten gleich begreifen, hat der Ingenieur jüngst Lehrvideos drehen lassen, die per QR-Code auf dem Schlitten mit dem Smartphone abrufbar sind. Gedacht ist das auch für Verleiher, von denen es bisher nur einen gibt, im Safiental in der Schweiz. Das Problem sei, dass die Leute den Schlitten oft falsch bedienen, wenn sie nicht eine Einführung bekommen. "Einer hat sich kopfüber draufgesetzt und mit den Händen an den Pedalen gebremst", sagt Blessing. Obwohl es den "Snowbraker" bereits seit vier Jahren gibt und er ihn sogar auf der Ispo vorgestellt hat, ist er nicht gerade ein Selbstläufer. Blessing bietet deshalb nun Schnuppertouren in St. Antönien und am Hochgrat im Allgäu an, auch mit Tourismusvereinen will er kooperieren.

Am besten läuft der Schlitten auf etwa 30 Grad steilen Hängen. Das zeigt sich beim zweiten Versuch unterhalb der Kapelle am Wallberg. "Surfen ist das Ziel", hat Blessing ausgerufen, und tatsächlich ist es dort nicht schwierig, mithilfe der Pedale Kurven zu fahren, was viel mehr Spaß macht, als gerade den Berg hinunterzufahren. Im Hochgebirge auf weiten Hängen mache es ihm deswegen am meisten Vergnügen. Und er amüsiert sich, dass die doppelte Snowboardspur des Schlittens bei vielen Tourengehern großes Rätselraten auslöse. Abfahrtsspaß hin, Verkaufszahlen her: "Meine innere Haltung", sagt Blessing, "ist immer das Bergerlebnis."

Informationen zum Schlitten und geführten Touren: www.snow-braker.com

© SZ vom 07.02.2019
Zur SZ-Startseite