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Eisspaß weltweit:Holiday on Ice

Bilder des Tages Feb 6 2016 Brainerd MN U S Some of the 10 000 ice fishing contestants on H

Einsamkeit sieht anders aus: Bei der Fishing Extravaganza auf dem Lake Gull in Minnesota bohren jedes Jahr bis zu 10 000 Menschen Löcher ins Eis, um Fische zu fangen.

(Foto: imago images/ZUMA Press)

Ob für Angler, Segler oder Marathonläufer: Eisflächen sind Reiseziele. Eine Auswahl kalter Abenteuer zwischen Südtirol und Sibirien.

Eisangeln in Minnesota

Theoretisch ist Eisangeln natürlich an vielen Orten möglich, so etwa auf dem umwerfend schönen Silsersee im Oberengadin, wo der Namaycush, der Amerikanische Seesaibling, angesiedelt wurde. Ein echter Wirtschaftsfaktor jedoch ist das Eisangeln vor allem in der Heimat des Namaycush, in Meredith, New Hampshire oder Brainerd, Minnesota. Nicht weit von Brainerd entfernt findet auf dem Lake Gull beispielsweise jedes Jahr im Januar die Brainerd Jaycees Ice Fishing Extravaganza statt, ein Eisangel-Wettbewerb mit mehr als 10 000 Teilnehmern und mindestens ebenso vielen Eislöchern. Wer schon einmal Bilder davon gesehen hat, fragt sich, ob es überhaupt so viele Fische in dem See gibt. Besondere Vorkenntnisse braucht es offenbar nicht: Den Hauptpreis, einen Pick-up eines US-amerikanischen Autohersteller, gewann heuer ein Eisangel-Novize.

Lauf über den Baikalsee

Echte Läufer geben sich längst nicht mehr mit einem profanen Stadtmarathon auf Asphalt zufrieden. Sie rennen über Berge, durch Bergwerkstollen, auf Sand - und Eis. Beim Baikal-Eismarathon - der am Sonntag zum 16. Mal stattfindet - überqueren die Teilnehmer sogar den Baikalsee, den ältesten und mit bis zu 1642 Metern tiefsten Süßwassersee der Erde. Diverse Medien und Websites zählen den Lauf in Sibirien unter anderem zu den "fünf kältesten Läufen", "sechs besten Marathonrennen auf Eis und Schnee" oder einfach zu den "Top Ten der geisteskrank harten Marathons". Immerhin ist die rund 42 Kilometer lange Strecke zwischen den Uferorten Tanhoi nach Listwyanka denkbar flach. Und auf halbem Weg gibt es sogar ein Klohäuschen.

Kuopio auf Schlittschuhen

In Zeiten der Klimakrise existieren mitteleuropäische Eisflächen ja quasi nur noch im Gebirge oder auf Bildern niederländischer Maler wie Pieter Bruegel der Ältere oder Pieter Brueghel der Jüngere. Für ein ordentliches Schlittschuhabenteuer muss man daher mindestens an den Weißensee nach Kärnten (siehe Interview) oder noch besser nach Kuopio in Mittelfinnland reisen. Dort wird dann allerdings auch nicht so frühbarock Brueghel-mäßig rumgeeiert, sondern richtig Gas gegeben. Kuopio, die selbst ernannte Hauptstadt des Schlittschuhlaufens, ist sogar Austragungsort des Finnland-Eis-Marathons. Distanz: 200 Kilometer. Wem das zu weit ist, der kann auch nur 100, 48 oder 24 Kilometer mit dem Rad übers Eis fahren. Oder man kommt einfach an einem anderen Tag, wenn die geräumten Eis-Bahnen auf dem Kallavesi, dem zehntgrößten See Finnlands, nicht nur für finnische Freaks, sondern für ganz normale Eistouristen freigegeben sind.

Segeln über den Spirdingsee

Der Śniardwy, zu deutsch: Spirdingsee, ist der größte See Polens und immerhin 22 Kilometer lang. Das relativiert sich allerdings ein wenig, wenn man weiß, dass moderne Eissegler mit mehr als 100 Stundenkilometer übers Eis flitzen. Da braucht es etwas mehr Auslauf als am Stadtweiher. Für den Anfänger reicht die Distanz natürlich locker. An der masurischen Seenplatte ist inzwischen sogar ein echter Eissegel-Tourismus entstanden. Mehrere Veranstalter und Hotels bieten mittlerweile mehrtägige Eissegelkurse zu nahezu polnischen Preisen an. Wer will, kann das Eissegeln freilich auch am Neusiedlersee im Osten Österreichs, am Steinhuder Meer oder am Wörthsee probieren. Nur bieten die Winter in den Masuren einfach noch einen Tick mehr Gefrierschrank-Ambiente.

Kiten am Reschensee

Der Reschensee in Südtirol ist für zwei Dinge berühmt: einen aus dem Wasser ragenden Kirchturm. Und die Snowkiter. Anders als das Eissegeln ist das Snowkiten eine Sportart für tempoverliebte Multitasking-Spezialisten, weil dabei auf Skiern oder einem Snowboard stehend auch noch ein Zugdrachen bedient werden muss. Außerdem stellt Snowkiten enorme Anforderungen an die Geografie. Im Gegensatz zum Skisport, der von der Hangabtriebskraft lebt, braucht es eine platte, mit Schnee bedeckte Fläche und ausreichend Wind zur Beschleunigung. Der zugefrorene Reschensee bietet auf 1500 Meter normalerweise einen derart idealtypischen Mix aus Winter, Wind und Ebene, dass dort zwischen Januar und März diverse Snowkite-Schulen ihre Kurse anpreisen. In diesem von Tauwetter geprägten Winter musste allerdings auch am Reschensee sogar schon der Snowkite Worldcup abgesagt werden.

Bauernmeisterschaft im Passeiertal

Noch einmal Südtirol, dieses Mal mit Eis in der Senkrechten. In Rabenstein, einem Ortsteil von Moos in Passeier, wurde in einem besonders schattigen Eck ein Eisturm zum Klettern eingerichtet. Eisklettern ist unter den vielen sonderlichen Sportarten in alpinen Gefilden (siehe Snowkiten) die sonderlichste: Mit Eispickeln und stahlbezackten Schuhen bewehrte Sportler hangeln sich in möglichst kalten Tälern an gefrorenen Wassersäulen und damit an einer oft unberechenbaren Materie aufwärts. Bei der als Staffel-Duathlon angelegten Psairer Bauernmeisterschaft in Rabenstein gelingt immerhin die mustergültige Verknüpfung von kulturellem Erbe und sportlichem Übermut: Die Traditionalisten der Zweierteams müssen einen 150 Kilogramm schweren Heuschlitten über einen 400 Meter langen, teils steil abfallenden Parcours manövrieren, ehe der Partner nach der Übergabe nur noch rund 20 Meter vor sich hat. Dafür vertikal, auf Eis.

© SZ vom 27.02.2020
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