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Artenvielfalt im Nationalpark Stilfserjoch:Wild mit Regeln

Der Nationalpark Stilfserjoch wurde anfangs von den Einwohnern nicht geliebt. Heute sehen die meisten die Vorteile des Schutzgebiets.

Vom Tartscher Bühel aus bietet sich ein grandioser Blick Richtung Süden. Die Gipfel der Ortlergruppe leuchten weiß vom späten Frühjahrsschnee. Wälder bedecken die Berghänge, unten im Tal reihen sich Obstplantagen aneinander. Im Vordergrund schimmert die Stadtmauer von Glurns fast silbern. Das ist Südtirol wie aus dem Werbeprospekt. Aber es ist auch der Nationalpark Stilfserjoch, zumindest die Südtiroler Seite davon. Auf der lombardischen Seite reicht der 131 000 Hektar große Park bis Pezzo im Süden und Livigno im Westen. Nur merkt das selten einer, der durchfährt.

Wie auch? Im Nationalpark Stilfserjoch liegen jahrhundertealte Dörfer wie Stilfs oder Martell, es gibt Stauseen, Skigebiete wie Sulden und eine der bekanntesten Passstraßen der Alpen, das Stilfserjoch, nach dem der Nationalpark benannt ist. Die italienischen Gäste suchen schon mal ein Eingangstor, an dem sie Eintritt bezahlen können, erzählt Stefanie Winkler, Mitarbeiterin der Südtiroler Parkverwaltung. Das Tor gibt es nicht, man denkt aber darüber nach, eines aufzustellen. Der Zugang indes, "der bleibt frei", betont der geschäftsführende Amtsdirektor des Südtiroler Parkgebiets, Hanspeter Gunsch.

Gletscher, Adler, Gämsen, Bartgeier: Die Natur ist das wichtigste Gut im Park

Freier Eintritt also zu 720 Kilometer Wanderwegen. Zudem gibt es allein auf Südtiroler Seite fünf Nationalparkhäuser, von denen jedes einem Thema gewidmet ist. In Prad ist es das Wasser, in Martell die Kultur, in Schlanders sind es die Vögel, in St. Gertraud stehen Wald und Holz im Mittelpunkt, in Trafoi Flora und Fauna. Und dann gibt es ja die Natur, das wichtigste Gut des Parks: Gletscher, Adler, Bartgeier, Gämsen, Pflanzen wie den Österreichischen Drachenkopf.

Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) ist wieder heimisch im Nationalpark Stilfser Joch.

(Foto: mauritius images)

Doch die Balance zwischen Natur und menschlicher Nutzung in einer jahrhundertealten Kulturlandschaft ist nicht einfach. Vor drei Jahren hat die italienische Regierung den autonomen Provinzen Bozen und Trient sowie der Provinz Lombardei die Verwaltung ihrer Parkanteile übertragen. Die Verwaltung des Nationalparks, die im Glurnser Rathaus untergebracht ist, hat nun die Aufgabe, die Nutzungszonen des Parks neu zu bestimmen, zusammen mit den zehn Nationalparkgemeinden und den Interessengruppen.

Zwar ist der Park nicht nach den Kriterien der Weltnaturschutzunion IUCN zertifiziert, aber das Ziel ist dasselbe. Die Ökosysteme sollen geschützt, Forschung soll geleistet, Erholung geboten werden. Derzeit wird darüber diskutiert, wo die Kernzone liegt, wo extensive Landwirtschaft betrieben werden kann, wo Skigebiete oder Siedlungen erweitert werden können. "Wann wir den Parkplan abschließen, ist zeitlich nicht absehbar", betont Gunsch. "Das hängt von vielen Faktoren ab."

Die Gämse (Rupicapra rupicapra) hält sich vor allem in den Felsregionen auf.

(Foto: mauritius images)

Am Nationalpark zweifelt heute fast niemand mehr, im Gegensatz zu den Anfangsjahren. Nach dem Vorbild der USA, die 1872 mit dem Yellowstone den ersten Nationalpark der Welt geschaffen hatten, erklärte Italien 1922 den Gran Paradiso zum Nationalpark, 1935 folgte das Stilfserjoch mit dem höchsten Berg Südtirols, dem Ortler, im Zentrum. Dies aber in der politisch unruhigen Phase der Dreißigerjahre, in der die deutsch- und ladinischsprachigen Südtiroler von den Faschisten massiv unter Druck gesetzt wurden. Eine schwere Hypothek. "Viele bei uns haben den Park am Anfang nicht gemocht", erzählt Ilona Ortler, die wie viele in der Region den Namen des großen Berges trägt und in Trafoi an der Stilfserjochstraße aufgewachsen ist. "Er hatte damals einen bitteren Beigeschmack, weil man ihn einfach geschaffen hat, ohne die Bevölkerung zu fragen."

Heute leitet die 40-Jährige das Nationalparkhaus Naturatrafoi, ist eine von 27 Angestellten des Parks auf Südtiroler Seite, und wie sie selbst, so sehen viele Talbewohner den Park positiv. "Seit vielen Jahren versucht die Parkverwaltung, sich der Bevölkerung anzunähern und bezieht sie ein. Grundsätzlich wünschen sich die Bewohner, dass sie alles machen dürfen, was zum Leben und Wirtschaften notwendig ist", sagt Ortler. Die meisten Landwirte bewirtschaften ihren Hof im Nebenerwerb und pendeln hinaus ins Haupttal, wie auch viele andere, die im Schutzgebiet wohnen.

Ein junges Murmeltier streckt die Nase aus dem Bau.

(Foto: mauritius images)

Die Bewohner profitieren durchaus vom Park. Der Bau von Trockenmauern, Zäunen oder Schindeldächern wird gefördert, Versorgungsflüge per Hubschrauber auf die Almen sind ebenfalls subventioniert. "Wir haben am Erhalt der Höfe ein großes Interesse", betont Gunsch, denn die von Menschen geschaffene Kulturlandschaft sei ein wesentliches Merkmal des Parkes. Auch wenn sich jeder unter Erhalt etwas anderes vorstellt. Wie viel Dünger verträgt eine Weide? Gunsch meint: so viel, wie die eigenen Tiere produzieren. "Es soll kein Dünger zugekauft werden."

So wie die Kultur, so unterliegt aber auch das Wild gewissen, von Menschen gemachten Regeln. Auf den Steinadler, das Wappentier des Parks, ist man stolz. Er brütet in jedem Tal. Der ausgerottete Bartgeier, einst als Kinderholer verschrieen, wurde wieder angesiedelt. Im Martelltal brütet ein Paar Jahr für Jahr. Über den Almen von Trafoi und Stilfs sieht man den riesigen Aasfresser kreisen. Doch beim Rotwild greift der Park ein. "Wir haben 1997 wieder begonnen, Rotwild zu entnehmen", sagt Gunsch. Nachdem auf Betreiben des WWF 1983 die Jagd im Park komplett verboten worden war, stieg der Rotwildbestand an, und damit der Schaden an Wald und Grünland. Die örtlichen Jäger werden nun zu "Entnahmespezialisten" ausgebildet. "Die Akzeptanz des Parkes ist dadurch gestiegen", stellt Gunsch fest.

Kompliziert ist es mit Bär und Wolf. Der Nationalparkrat hat beschlossen, die Raubtiere nicht aktiv anzusiedeln. Vor Jahren hat ein Bär, der wohl aus dem Trentino kam, einige Zeit im Park verbracht, ist aber weitergezogen. Und wenn der Wolf kommt? Sind Herdenschutzhunde nötig? Zäune? "Beim Wolf stecken wir noch in den Kinderschuhen", räumt der Wildbiologe ein. "In den Köpfen der Städter ist er gewünscht, draußen auf dem Land wünschen sich die Menschen den Wolf nicht." Ein Balanceakt.