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Architektur:Bewusstsein schaffen

Wittfrida Mitterer kämpft für den Erhalt historischer Bauten.

(Foto: privat)

Wittfrida Mitterer liegt nachhaltiges Bauen am Herzen, ebenso das Bewahren von technischen Kulturgütern wie Seilbahnen oder Brücken. Die Bozenerin lehrt in Innsbruck und Rom und gibt eine Architekturzeitschrift heraus.

Interview von Helmut Luther

Nachhaltiges Bauen und Technikgeschichte sind zwei Schwerpunkte von Wittfrida Mitterer. Die 1968 in Bozen geborene Wissenschaftlerin lehrt an den Universitäten Innsbruck und Rom. Sie leitet Architekturprojekte für die EU, etwa zum Wiederaufbau des Dorfes Onna bei L'Aquila. Seit 1990 ist sie Geschäftsführerin des regionalen Kuratoriums für die Erhaltung technischer Kulturgüter und Herausgeberin der Architekturzeitschrift Bioarchitettura / Abitare la Terra.

SZ: Frau Mitterer, als Direktorin des Kuratoriums für Technische Kulturgüter in Bozen setzen Sie sich für deren Erhalt ein. Woher stammt dieses Interesse?

Wittfrida Mitterer: Das ist eine lange Geschichte. Ich habe mich schon immer gerne mit Nägeln, Schrauben und allerlei Handwerksgeräten beschäftigt. Dann habe ich eben die richtigen Leute getroffen, zum Beispiel den Franziskanerpater Viktor Welponer, ohne den es das heutige Naturkundemuseum in Bozen nicht gäbe. Er hat mir die Augen geöffnet für den Wert alter, aus dem Blick verlorener Dinge, die man immer im Kontext ihrer Entstehung verstehen muss. Dann kamen das Studium und die Habilitation an der Baufakultät der Universität Innsbruck. Unsere Region ist ein reiches Terrain, was Technikgeschichte betrifft. 2021 ist etwa ein Südbahn-Jubiläum zu feiern, also das jener Bahnlinie, die den Süden der ehemaligen Habsburgermonarchie an die Hauptstadt Wien anband. Entworfen wurde sie von Alois Negrelli, dem Planer des Suezkanals. 1871 wurde in Fortsetzung der Bahn von Maribor (Marburg) nach Villach die Strecke zwischen Lienz und Franzensfeste durch das Pustertal fertiggestellt - wodurch Franzensfeste als Drehscheibe an Bedeutung gewann.

Mit Südtirol assoziiert man Landwirtschaft und Tourismus, nicht unbedingt Technikgeschichte. Ist das ein Fehler?

Unbedingt. Gerade der Tourismus ist eng mit der Entwicklung der Technik verbunden. Wir haben festgestellt, dass in unserer Region gerade die schwierigen geografischen und topografischen Verhältnisse zu technischen Erfindungen angespornt haben, um die naturgegebenen Schwierigkeiten zu überwinden. Man denke etwa an den großartigen Bau der Stilfserjochstraße über den höchsten befahrbaren Gebirgspass Italiens. Sie wurde 1825 eingeweiht, um eine schnelle Verbindung ins damals zum Habsburgerreich gehörende Mailand zu schaffen. Oder die vielen Elektrizitätswerke, für die Druckrohrleitungen durch Berge und über Felshänge gebaut wurden, um die natürlichen Wasserressourcen der Region nutzen zu können.

Apropos Negrelli: Sie haben sich für die Negrelli-Halle in Bozen eingesetzt. Leider umsonst, sie wurde abgerissen. Warum wäre sie erhaltenswert gewesen?

Das Bauwerk am Bozner Bahnhof, von Negrelli geplant, wurde 1859 errichtet und bildete den längsten säulenfreien Hallenbau im Alpenraum, ein Gebäude von historischer Bedeutung für die Handelsstadt Bozen. Wir wollten verhindern, dass die Halle einem gesichtslosen Busbahnhof weichen muss und haben Vorschläge für eine alternative öffentliche Nutzung gemacht. Unsere Idee wäre gewesen, in die Halle den Busbahnhof einzubauen und ihn über eine Promenade mit der Rittner Seilbahn zu vernetzen und damit eine attraktive Verbindung zur Altstadt zu schaffen. Unser Rekurs gegen den Abrissbeschluss wurde zurückgewiesen, durchgesetzt hat sich ein österreichischer Immobilien-Unternehmer mit einem großen Plan für die Umgestaltung des Bahnhofparks, wo ein neuer Stadtteil entstehen soll. Wo die Negrelli-Halle stand, steht heute der provisorische Busbahnhof, der im Zuge des geplanten Bahnhofumbaus unterirdisch errichtet werden soll. Verloren gegangen ist dafür ein wichtiges Stück Geschichte.

Gibt es andere erhaltenswerte technische Denkmäler?

Da fällt mir etwa die Hängebrücke in Mauls über den Eisack ein, die nur sehr wenige kennen. Dabei handelt es sich um einen Bau für Fußgänger aus dem späten 19. Jahrhundert. Das erste Beispiel einer Hängebrücke in Südtirol, die Brückenköpfe sind aus Granitquadern, mit rundbogigen Tordurchgängen. Die Brückenkörper mit Holzboden hängen mittels Eisenstangen an Stahlseilen. Das Bauwerk ist sehr schön, technisch anspruchsvoll und müsste dringend restauriert werden, weil die Erosion die Grundpfeiler angreift. Ein anderes Beispiel wären die Bergbahnen, die zu vielen Bauernhöfen führen. Bevor es Straßen gab ein entscheidender Grund für die Weiterbewirtschaftung der Höfe. Historischen Wert haben die Seilschwebebahn nach Kohlern bei Bozen sowie jene auf das Vigiljoch bei Meran. Erstere wurde 1908 in Betrieb genommen, als erste öffentlich zugelassene Luftseilbahn für den Personenverkehr im Alpenraum. 1912 ging letztere als weltweit dritte Bergschwebebahn in Betrieb. Am Vigiljoch entstanden Hotels und Villen, auf Prospekten jener Zeit wird die Anfahrt aus München und Mailand beschrieben. Das zeigt, wie eng Technikgeschichte und die Entwicklung des Tourismus verbunden sind.

Gibt es Beispiele für gelungene Restaurierung?

Durchaus, etwa die Haltestelle Kastelruth an der Brennerbahn, eine der wenigen, die als originalgetreue Rekonstruktion erhalten sind. An das Stationsgebäude ist eine mit Holzschindeln bedeckte Holzbrücke über den Eisack angekoppelt, die zu den Steinbrüchen des Südtiroler Bahnpioniers Josef Riehl führte. Um das Gelände abzusichern und die Überflutung der Haltestelle zu verhindern, wurde eine Zyklopenmauer errichtet. Die Jahreszahl 1898, in einen Porphyrquader gemeißelt, erinnert daran. Bemerkenswert ist auch die Verlegung und der originalgetreue Wiederaufbau der Drehscheibe (20 Tonnen Nutzlast) für Lokomotiven, die dem Südportal des Brennerbasistunnels weichen musste. Sie soll als Kopfstation der Museumszüge vom Bahnhof Franzensfeste zur Militärhaltestelle in der Festung genutzt werden.

Warum soll man Kulturgüter erhalten?

Es geht darum, den Blick zu erweitern, ein neues Bewusstsein für diese spannenden Schauplätze unserer Geschichte zu schaffen. Ich spreche in diesem Zusammenhang von Inwertsetzung, indem Objekte, Orte und Bauten in ihrem Umfeld, den bauhistorischen und wirtschaftlichen Zusammenhängen gesehen werden. So wird ihnen ein Wert zuerkannt, die Bevölkerung kann sich damit identifizieren. Ein Gewinn für die Allgemeinheit.

© SZ vom 04.02.2021
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