bedeckt München 19°
vgwortpixel

17. Station: Seychellen:Im Reich der Reinheit

Bei den Seychellen wird es heiß, sehr heiß. Und unten auf Deck eins arbeiten chinesische Reinigungskräfte rund um die Uhr an strahlendem Weiß.

Alles ist anders als man es sich vorher angelesen und ausgemalt hat. Wunderbar. Denn das gehört zum Reiz einer Weltreise: der sanfte Zwang zum Umwerfen, Umsetzen, Umbauen der als mentales Gepäck mitgebrachten Vorurteile. Alles ist fast überall anders.

Auf den Seychellen herrschen wahrhaft paradiesische Verhältnisse: Hitze, lange, weiße Strände, warmes Wasser

Auf den Seychellen herrschen wahrhaft paradiesische Verhältnisse: Hitze, lange, weiße Strände, warmes Wasser

(Foto: Foto: visipix.com)

Nur auf den Seychellen nicht. Da stehen sie, die zum Meer hin gebeugten Palmen. Da gibt es sie tatsächlich, die berühmten Doppelkokosnüsse (Coco de Mer), zwanzig Kilo schwer eine jede. Da watscheln sie, die rätselhaften Riesenschildkröten (im Reservat allerdings). Da liegen sie vor uns, die langen weißen Strände, beinahe menschenleer. Da ist es heiß, das Wasser warm, das Wetter prächtig - genau wie im Touristik-Bilderbuch. Als ein Passagier einem Ladenbesitzer auf der Insel Praslin etwas über die Hitze vorjammerte, antwortete der, ein wenig boshaft: "Deshalb kommen Sie doch her. Wegen der Hitze. In Deutschland: kalt."

In Bacardi-Land

Recht hat er. Obwohl die MS Deutschland nur wegen des Irak-Kriegs die nicht geplante Wendung in den südlichen Teil des Indischen Ozeans gemacht hat: Auch wegen dieser unheimlichen Hitze sind wir hier, im Paradies der Werbefilmer, in Bacardi-Land. Die Seychellen bestehen, einzigartig, aus Granitgestein, von Atollen umgeben. Die Werbefilmer stellen ihre Kameras immer so, dass man die Felsen nicht sieht.

Auch wir stellen uns jetzt so. Gehen, die Berge im Rücken, ins Weltmeer - und abends kreolisch essen. Man kann auch an Bord bleiben, abwechseln zwischen den heißen Außendecks und den gekühlten Innenräumen, spazieren gehen auf dem leeren Schiff. Gedankenfaul flanieren wir zum Beispiel auf dem Pooldeck herum, wo der kleine Meerwasserpool heute stumm vor sich hin kocht.

Plötzlich die Irritation. Da ist doch...Tatsächlich. "Das Traumschiff" steht wieder da! In geschwungener Schrift ist es auf dem Schornstein zurück, von dem der zweite Name unseres Kreuzfahrtschiffs in Wirklichkeit nie ganz verschwunden war. Die Fernsehmenschen, die auch auf dieser Reise eine Zeit lang an neuen Folgen ihrer niemals endenden Liebesaffären-Serie bosselten, hatten das Emblem, das doch von ihrem Wirken kündet, nur überklebt. Nun sind sie von Bord und flugs wurde das Etikett wieder sichtbar gemacht.

Rund um die Uhr ist in dem schwimmenden Hotel etwas zu tun, zu richten, zu reparieren, vorzubereiten, zu reinigen. Dass die Ingang- und Instandhaltung des Schiffs an erster Stelle steht, erwartet jeder Passagier ohne nachzudenken. Dass die Köche, sechzig Menschen insgesamt, ständig mit neuen Kombinationen ihrer Künste beschäftigt sind, ist auch selbstverständlich. Ebenso die schier unermüdliche Arbeit der Kabinenstewardessen, die bis in den späten Abend hinein die Ordnung herstellen, die von den Reisenden in Unordnung gebracht worden ist.

Im Reich der Reinheit

Unsichtbare Helfer

Rätselhafte Riesen: Schildkröten im Reservat auf den Seychellen

(Foto: Fotos: Podak; visipix.com)

Vor Victoria, dem Hauptort der Seychellen, wachsen die Anforderungen an sie noch einmal gewaltig. Hier geht eine Teilreise der Weltumrundung zu Ende, und der achte und letzte Part beginnt. Gäste steigen aus, fliegen nach Hause, neue kommen - mit großen Erwartungen. Da heißt es, doppelt genau putzen, polieren, saugen, aufräumen und die Spuren des Gebrauchs zum Verschwinden zu bringen.

Emsig huschen sie durch die Gänge, unsere Kabinenstewardessen, deren Fähigkeiten bis in die Anfangsgründe der Psychotherapie reichen müssen. Sie sind geübt in der Seelenmassage schwieriger Kundschaft, die Zeichen besonderer Zuwendung verlangt. Und das, wenn es Weltreisende sind, seit vier Monaten durchgehend. Allen inzwischen bekannten Gesichtern aus diesen und anderen Abteilungen begegnet der Passagier immer wieder. Man kennt sich, fühlt sich irgendwie zusammengehörig. Ein Schiff, auch ein Kreuzfahrtschiff, ist eine Gemeinschaftsveranstaltung.

Eine Gruppe aber gibt es, deren Mitglieder sieht man nie, auch wenn alle von ihrem Dasein wissen. Gerade an diesen heißen Tagen, an denen wirklich einmal der Schweiß aller in Strömen fließt, zeigt sich ihre Unentbehrlichkeit. Sie bleiben aber, wie immer, unsichtbar. Ein halber Flaniertag an Bord bietet eine gute Gelegenheit, sie zu besuchen und sie ein bisschen kennen zu lernen, ihr wohlverdientes Loblied zu singen. Wir sprechen von den Wäscherei-Chinesen.

Auf ins Reich der Reinheit

Auf allen Kreuzfahrtschiffen dieser Welt, sagt man, sind die Wäscheabteilungen fest in den Händen chinesischer Teams. Auf ins Reich der Reinheit. Die MS Deutschland hat zehn Decks. Ganz unten, auf Deck eins, sind die Unsichtbaren bei der Arbeit. Sieben sehr entspannt wirkende Chinesen bilden die Truppe der Laundry Men, der Wasch- und Reinigungsmänner. Sie alle kommen aus Schanghai.

Angeführt, eingeteilt und angeleitet werden sie von Yu Jia Ming, dem Meister. Er ist der Laundry Master, 44 Jahre alt. Schanghai, Rotchina, fragen wir. War es da nicht schwierig, die Erlaubnis zu bekommen, auf einem westlich-kapitalistischen Schiff zu arbeiten? Nein, meint Meister Yu nachsichtig, es sei ganz einfach. Alles sei lockerer geworden.

Yu ist verheiratet, hat eine 15-jährige Tochter. Beim Halt in Schanghai gab es ein Familientreffen, erzählt er. Sieben bis acht Monate läuft so ein Schiffsvertrag für jeden. Dann gibt es drei bis vier Monate unbezahlten Urlaub, der natürlich in Schanghai verbracht wird. Dann geht es wieder aufs Schiff: Wieder waschen, mangeln, bügeln, Flecken entfernen, zehn Stunden täglich.

Tradition verpflichtet - zum Waschen

Warum arbeiten überall Chinesen in diesem Job? Meister Yu antwortet schlicht: History. Das Wäschereiwesen habe eben eine lange Tradition in China. Shi wu bo (29) und Lou Dong sheng (23) füllen die drei großen Waschmaschinen, von denen jede 50 Kilogramm auf einmal schafft. Eine kleine Maschine für Spezialaufgaben haben sie auch noch, außerdem eine chemische Reinigung, erklären sie. Dann bedienen sie die Wäschemangeln.

2000 Kilo Hotelwäsche versorgen sie täglich, darunter sind 200 Kilo von der Crew. Dazu kommen von den Passagieren jeden Tag 100 Kilo buntes Allerlei. In sonnenheißen Schwitz-Zeiten wie dieser können es schon ein paar Pfund mehr werden.

In einer Ecke werkelt still der älteste der Truppe: Luo Wei Qing (55), der Iron-Man, Herr über die Bügeleisen. Hemden, zumal gestärkte Gala-Hemden, müssen von Hand gebügelt werden, das ist sein Glaubensbekenntnis. Er hat ein modernes Dampfbügeleisen. Sein Ruhm aber gründet sich auf das fünf Kilogramm schwere Eisenbügeleisen, das er aus Shanghai mitgebracht hat. Gestärkte Wäsche? Nur mit diesem Gerät. Aus Prinzip. Warum sieht man sie nie an Bord? Chinesen sind gern allein, behauptet Yu.

Wir verabschieden uns. Bei aller chinesischen Höflichkeit haben wir doch das Gefühl, sie bei der Arbeit zu stören. Herzliche Händedrücke, dann verlassen wir die Tiefen von Deck eins wieder. Beim Essensgeplauder können wir nun doch noch ein bisschen mehr erzählen als nur die Sache mit dem Traumschiff am Schornstein. Das weiße Hemd für den Abendanzug aber wird sofort zu Luo geschickt.