Zum Tod von Reinhard Höppner:Mann des leisen Muts

Reinhard Höppner

Ein nahbarer Politiker und stets bescheiden: Reinhard Höppner.

(Foto: dpa)

Sachsen-Anhalts ehemaliger Ministerpräsident Reinhard Höppner machte den Menschen in Ostdeutschland nach 1990 Mut. Er lehnte die Ellbogenmentalität des Westens ab - und wusste sich doch zu widersetzen.

Von Jens Schneider

Es war die schwierigste Zeit nach dem Ende der DDR. In den ostdeutschen Ländern, gerade in Reinhard Höppners Heimatland Sachsen-Anhalt, brachen in den ersten Jahren nach der Vereinigung Zehntausende Arbeitsplätze weg. Dort machte sich das Gefühl der Hoffnungslosigkeit breit - und Misstrauen gegen Politiker, die lautstark zu viel versprachen.

In dieser schwierigen Zeit übernahm der beharrliche Protestant Reinhard Höppner, ein bedächtiger, fast schüchterner Mann des leisen Muts, 1994 das Amt des Ministerpräsidenten in Magdeburg. In den folgenden "acht unbequemen Jahren", wie er sie im Rückblick nannte, wurde er zu einer der wichtigsten Stimmen des Ostens im vereinten Deutschland, zu einer prägenden Figur für diese Phase des Übergangs.

Jede Selbstinszenierung blieb ihm suspekt

Höppner erklärte im Westen geduldig, was es für viele Menschen bedeutete, dass mit der Einheit ihr Leben umgekrempelt und alles Bisherige in Frage gestellt wurde. In der Nacht zum Pfingstmontag ist Höppner nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 65 Jahren gestorben.

Seine Regierung galt damals nach außen als spektakulär, sie zog viel Kritik auf sich. Als erster Sozialdemokrat ließ er sich im sogenannten "Magdeburger Modell" von der PDS tolerieren, der Nachfolgepartei der SED. Der Pfarrerssohn ging diesen Weg ruhig mit dem Ziel, trotz aller Probleme möglichst alle Menschen ins vereinte Deutschland mitzunehmen.

Er war ein nahbarer Politiker, dem jede Selbstinszenierung suspekt blieb. Er wollte und konnte nicht verbergen, wie sehr er die Ellenbogenmentalität des Westens ablehnte. Dass er oft behutsam und sehr bescheiden auftrat, führte dazu, dass manche seine Widerstandskraft unterschätzten.

Dabei hatte er als Christ in der DDR früh gelernt, Druck auszuhalten. In seinen Worten hieß das: gegen den Wind zu segeln. Er studierte in Dresden Mathematik und arbeitete 18 Jahre als Lektor im Berliner Akademie-Verlag. In mehr als einem Jahrzehnt als Präses der Synode der Kirchenprovinz Sachsen entwickelte er im Umgang mit den DDR-Machthabern einen moderierenden Stil, zu dem dennoch gehörte, nie seine Richtung zu verlieren.

Während der friedlichen Revolution trat Höppner in die SPD ein. Als Vizepräsident der ersten frei gewählten Volkskammer der DDR, die zugleich die letzte war, rettete er dieses Laien-Parlament mit seiner Besonnenheit vor manchem Irrweg.

Seine Zeit als Regierungschef in Magdeburg endete 2002 mit einer deutlichen Niederlage für SPD. Der Vater von drei Kindern, der mit einer Pfarrerin verheiratet war, engagierte sich nun wieder vor allem in der evangelischen Kirche. Und forderte etwa als Präsident des Kirchentages 2007 dass die Kirche klar Stellung beziehen sollte, wenn Politik auf Kosten der Schwachen gemacht wird. So blieb er stets ein politischer Protestant

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