Zeitgeschichte Eingestiegen in Ruinen

Nicolas Offenstadt: Le pays disparu. Sur les traces de la RDA. Éditions Stock, Paris 2018. 424 Seiten, 22,50 Euro.

(Foto: Verlag)

Der französische Historiker Nicolas Offenstadt hat sich auf DDR-Spurensuche begeben - allerdings mit sehr eingeschränkter Perspektive.

Von René Schlott

Im Zoo von Halberstadt gibt es einen einsamen und vergessenen Esel namens "Pinocchio". In den 1980er-Jahren tourte das einst berühmte Tier erfolgreich als einer der "Bremer Stadtmusikanten" durch die Deutsche Demokratische Republik. 1984 trat er im Fernsehen auf, 1987 war er ein Teil des Programms zur 750-Jahr-Feier Berlins. Mit der Geschichte des Esels und seines Besitzers beginnt der methodisch innovative, inhaltlich jedoch streitbare Essay von Nicolas Offenstadt über "das verschwundene Land" DDR, dessen Geschichte der französische Historiker als einzige Verlusterzählung konzipiert.

Methodisch innovativ ist der Essay, weil der Autor als Anhänger der "Urban Exploration" selbst in verlassene Gebäude und Fabriken einsteigt und dort nach Hinterlassenschaften der DDR sucht. Mit den aufgefundenen Akten gelingt es ihm, individuelle Lebensläufe in exemplarischer Absicht zu rekonstruieren. Offenstadt meidet die Archive und besucht außer den Ruinen auch die Flohmärkte. Von der DDR spricht er als "pays à la brocante", als Land auf dem Trödel. Seine einzelnen Zufallsfunde präsentiert er als Teile eines größeren Ganzen. So steht die von ihm für 25 Euro in Jena erstandene Fahne des örtlichen DDR-Kleingartenverbands zugleich für den aus der Sowjetunion übernommenen Flaggenkult, für die DDR-Kunstfaser "Dederon" und für den Versuch der rund 1,5 Millionen Mitglieder im "Verband der Kleingärtner, Siedler und Kleintierzüchter" (VKSK), jenseits der "Kollektivierung" einen privaten Raum der Selbstversorgung zu schaffen. An Artefakten wie diesem und den gefallenen Denkmälern der DDR macht Offenstadt die These fest, wonach es sich heute bei der DDR um ein "pays à l'horizontale" handelt. So inspirierend diese Wortschöpfungen sind, die Schlussfolgerungen geraten problematisch.

Im längsten Kapitel des Buches versammelt Offenstadt unter dem Titel "Die DDR auslöschen" zahlreiche Beispiele für Straßenumbenennungen, Gedenktafelentfernungen und Denkmalsversetzungen aus den 1990er-Jahren. Immer wieder fallen die Worte "Entwertung", "Delegitimierung", "besiegtes Land" und "die Sieger". Bei Offenstadt bekommt der Leser den Eindruck, Helmut Kohl persönlich sei mit der Planierraupe durch den "annektierten Osten" gewütet. Dabei beruhen alle diese Veränderungen auf demokratischen Mehrheitsentscheidungen der ehemaligen DDR-Bevölkerung. Doch an keiner Stelle reflektiert der Autor seine eingeschränkte Perspektive, die den Begriff "friedliche Revolution" nicht kennt.

Wer zwischen Ostsee und Erzgebirge Ruinen sucht, wird Ruinen finden. Wer Spaßbäder sucht, wird Spaßbäder finden. Wer sanierte Altstädte sucht, wird sanierte Altstädte finden. Und wer wie Offenstadt mit DDR-Stadtkarten aus den 1970er-Jahren auf Spurensuche geht, wird nur die Orte finden, die zu dieser Zeit gefunden werden sollten. Denn Gefängnisse der Staatssicherheit oder konspirative Wohnungen werden darauf nicht zu finden sein. So bleibt der Neuigkeitswert des Essays trotz der vielversprechenden "Außenperspektive" gering. Denn die Verklärung der Vergangenheit erscheint weniger als ideologische denn als anthropologische Konstante.

René Schlott ist Historiker am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.