Wissenschaft 24 Flugzeuge des Dämons

In Indien bedrohen Hindu-Nationalisten die seriöse Forschung.

Von Arne Perras

Als Narendra Modi ans Rednerpult trat, um den 106. "Indian Science Congress" zu eröffnen, lobte der Premier den Forscherdrang der Jugend. Er machte deutlich, wie wichtig wissenschaftlicher Ehrgeiz sei, um das Land voranzubringen. Doch es dauerte nur wenige Stunden, bis sich die Tagung in eine Lachnummer verwandelte. Seriöse Forscher waren sprachlos, als sie hörten, was zwei Kollegen dort auf der Bühne im Namen der Wissenschaft zum Besten gaben.

Die beiden Redner interessierten sich nicht für die Herausforderungen der Gegenwart, sondern schwelgten lieber im Lob für ihre Hindu-Vorfahren. Die alten Helden hätten bereits vor Tausenden Jahren die Techniken moderner Wissenschaft beherrscht, behaupteten sie. Und das war keineswegs als Witz gemeint. Der Chemiker Gollapalli Nageswara Rao sprach über den mythischen Dämon Ravana, der selbstverständlich über 24 verschiedene Flugzeugtypen verfügt habe. Und dass der legendäre König von Hastinapur hundert Kinder hervorbrachte, verdanke er der Stammzellenforschung, die damals bereits bekannt gewesen sei.

Angesichts solch kluger Ahnen mussten gefeierte Größen der Neuzeit, Forscher wie Isaac Newton oder Albert Einstein, schon zu intellektuellen Zwergen schrumpfen. Die beiden hätten die Welt ohnehin verkannt, wie ein Dozent aus Tamil Nadu erklärte, weshalb er vorschlug, man solle Gravitationswellen besser in "Narendra-Modi-Wellen" umtaufen.

Die Vorträge provozierten Spott und Entsetzen, Studenten und Professoren sammelten sich zum Protest. Besonders entsetzlich fanden viele, dass die Behauptungen ausgerechnet bei jenem Forum fielen, das Kinder an die seriöse Wissenschaft heranführen soll. "Die Irrationalität sprengt alle Grenzen", klagt die Astrophysikerin Prajval Shastri.

Nun könnte man die Auftritte als peinliche Posse abtun, passten sie nicht zur Strategie regierender Hindu-Nationalisten, Mythen systematisch als geschichtliche Wahrheiten zu verbreiten. "Diese Kräfte fördern die Pseudo-Wissenschaften", sagt Elektroingenieur Soumitro Banerjee, der mit Kollegen einen Protestbrief verfasst hat. Sie klagen, dass die bizarren Auftritte den Ruf der indischen Wissenschaften global beschädigten. "Alles, was in Legenden steht, ist nach der Lesart der Leute wahr." Dass ein renommierter Kongress solchen Stimmen eine Bühne biete, sei ein "bedenklicher Lapsus", sagte der Forscher der Süddeutschen Zeitung.

Bedrohlich wirken diese Stimmen auch deshalb, weil sie helfen, die Ideologie rechts-nationaler Hardliner zu stützen. Religiöse Ideologen torpedieren die indische Geschichtswissenschaft, weil seriöse Historiker Mythen kritisch analysieren, anstatt sie als unumstößliche historische Gewissheiten zu verklären. "Das ist etwa so, wie wenn man in Europa alles für wahr hielte, was in Ilias und Odyssee erzählt wird," sagt Banerjee.

Doch nicht einmal Indiens Premier scheint Mythologie und Geschichte trennen zu wollen. 2014 verblüffte er seine Zuhörer, als er im elefantenköpfigen Gott Ganesha den Beweis dafür erblickte, dass die alten Inder schon plastische Chirurgie beherrschten. Und natürlich macht man über Götter keine Witze.