Whistleblower:Die Menge macht's

Die digitale Welt hat eine neue Generation von Informanten geschaffen. Unter ihnen finden sich zwei Typen: Gewissenstäter und Geschäftemacher.

Von Georg Mascolo

Als ein junger amerikanischer Senator Präsident werden wollte, zog er 2008 mit der Geschichte vom sogenannten Ugland-House durch das Land. 12 000 Briefkastenfirmen residierten damals in einem fünfstöckigen Gebäude einer Anwaltskanzlei auf den Cayman- Inseln. "Das ist entweder das größte Gebäude der Welt oder der größte Steuerschwindel der Welt", rief der Senator seinen Zuhörern zu. Sein Name: Barack Obama.

Bald endet Obamas zweite Amtszeit und aus den 12 000 Firmen im Ugland-House sind mindestens 18 000 geworden. Man muss also feststellen, dass keiner der unzähligen Politiker-Gipfel mit all den Versprechungen, gemeinsam weltweit gegen Schwarzgeld, Steuerhinterziehung und das unverantwortliche System der Steueroasen zu kämpfen, viel gebracht hat.

Und doch scheint dieses Modell inzwischen unter Druck zu geraten. Nur sind es nicht Politiker, sondern Insider aus der Finanzwelt, die diesem Geschäft schwere Schläge versetzen. Man nennt sie "Whistleblower". Je nach gesellschaftlichem Standort wird dieser Anglizismus mit "Alarmschlagen" oder "Verpfeifen" übersetzt.

Whistleblower haben geschafft, was Politikern all die Jahre nicht gelungen ist. Sie haben es geschafft, dass die von den Steueroasen versprochene absolute Diskretion und vollständige Anonymität nicht mehr existiert. Wer sein Geld versteckt, muss die öffentliche Bloßstellung und oftmals auch Strafverfolgung fürchten. Die vermeintlich sichere Bank ist zum Risiko geworden.

Viele dunkle Geheimnisse der geheimnisvollen Firma Mossack Fonseca (Mossfon) hat ein Whistleblower enthüllt. Aus Empörung über das Geschäftsgebaren der Firma und seiner Kunden lieferte der Hinweisgeber der SZ 2,6 Terabyte Daten. Die enorme Menge dieser Daten und die sich daraus ergebenden Enthüllungen sind neu, die Methode selbst ist es nicht. Vor Mossack Fonseca traf es auch schon andere Heimlichtuer; die Schweizer HSBC-Bank oder andere Geldhäuser oder Treuhänder. Es ist, als würde immer wieder ein neuer Edward Snowden die Finanzbranche heimsuchen.

Unter Whistleblowern finden sich zwei Typen: Gewissenstäter und Geschäftemacher

Erst die digitale Welt hat das Verschieben von Geld so einfach gemacht. Umgekehrt gilt aber auch, dass die Enttarnung solcher Schiebereien heute ganz einfach geworden ist. Manchmal reicht schon eine einzige Kontonummer, um Großes auszulösen: Im Fall Ulrich Hoeneß stattete ein Informant mit Zugang zu Daten der Schweizer Vontobel Bank den Stern mit Unterlagen aus. Nach einigen Umwegen wurde daraus der Steuerfall Hoeneß. Der Tippgeber gab an, aus Empörung über den FC-Bayern-Manager gehandelt zu haben.

In Liechtenstein schlug 1997 ein IT-Manager Alarm, nachdem er entdeckt hatte, dass ein großer Treuhänder die Gelder nicht auszahlte, die eigentlich seine Kunden nach ihrem Tod gemeinnützigen Stiftungen vermacht hatten.

Ebenfalls 1997 lieferte ein Wachmann der Schweizer Bankgesellschaft bei der Israelitischen Kultusgemeinde in Zürich Unterlagen über Holocaust-Vermögen ab - die Bank hatte sie schreddern wollen.

Bis heute klingen die Erklärungen der Hinweisgeber ähnlich: Hervé Falciani, der die Geschäfte der HSBC-Filiale in Genf offenlegte, sagte: "Ich habe gesehen, wie Normen und Vorschriften genutzt werden, um ganz offensichtlich Unrecht zu begehen." Die Bank entschuldigte sich für ihr Verhalten in ganzseitigen Zeitungsanzeigen.

Bald wird in Luxemburg der Prozess gegen Antoine Deltour beginnen. Er war früher Angestellter der Beratungsfirma Price Waterhouse Cooper, die mit abenteuerlichen Konstruktionen Firmen wie Google, Apple oder Starbucks half, ihre Steuerlast zu drücken. Deltour wunderte sich, warum in der Spalte der Einnahmen riesige Zahlen standen und in der Spalte der Steuern ganz kleine. Er machte eine Kopie.

Offizielle der EU haben ihn für diese Tat belobigt. Die Regierung von Luxemburg hofft dagegen auf eine hohe Haftstrafe - zur Abschreckung. Auch deshalb entscheiden sich viele Whistleblower, lieber anonym zu bleiben. In den meisten Ländern fehlt es an einem Schutz vor Strafverfolgung. Auch das gesellschaftliche Umfeld des Whistleblowers ist gewöhnlich nicht auf seiner Seite. Sein Verhalten wird als Verrat eingestuft, gilt als illoyal.

Andererseits kaufen Steuerbehörden weltweit silberne Scheiben mit den Daten von Leuten, die ihr Geld im Ausland versteckt haben. So zapfen bei Banken oder Offshorefirmen gleich zweierlei Typen Daten ab: Überzeugungstäter und Geschäftemacher. Manche sind sogar beides.

Whistleblower-Organisationen in den USA haben inzwischen unter dem Motto "Es gibt mehr ehrliche Banker" eine regelrechte Kampagne gestartet. Gesucht werden weitere Insider, die Daten zur Verfügung stellen. Vielleicht ist auch bald das Ugland-House dabei.

© SZ vom 05.04.2016
Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema

Süddeutsche Zeitung
  • Twitter-Seite der SZ
  • Facebook-Seite der SZ
  • Instagram-Seite der SZ
  • Mediadaten
  • Newsletter
  • Eilmeldungen
  • RSS
  • Apps
  • Jobs
  • Datenschutz
  • Kontakt und Impressum
  • AGB