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Werkschau:Große Augen

Bahman Ghobadi
(Foto: Eric Gaillard/Reuters)

Bahman Ghobadi macht Filme unter erschwerten Umständen. Der kurdisch-iranische Regisseur stellt sein Werk in München persönlich vor

Von Susanne Hermanski

Bahman Ghobadi macht Filme unter erschwerten Umsänden: Er ist Kurde und in Iran aufgewachsen. Immer wieder betont er, wie sehr er sein Land liebe, aber dass es derzeit unmöglich sei, als Künstler dort zu arbeiten. Sieben Langfilme, einen Kurz- und einen Episodenfilm sowie den von und mit Flüchtlingskindern gedrehten Dokumentarfilm Life On The Border umfasst die Retrospektive. Immer wieder hat Ghobadi auf Laiendarsteller zurückgegriffen, deren reales Leben ganz ähnlich aussieht wie jenes, das sie vor der Kamera zeigen.

Sein neuer Film trägt den Titel A Flag Without A Country und wird in München als Europapremiere gezeigt. Bahman Ghobadi kommt zu diesem Anlass persönlich nach München. Ghobadi wurde 1969 nahe der irakischen Grenze geboren. Trotz aller Krisen, Gewaltausbrüche und der gesellschaftlichen Zerrissenheit seines Volkes sind Ghobadis Arbeiten geprägt von einer feinen Poesie und Lebensmut. Seine ersten Kurzfilme drehte er in seiner Jugend, später studierte er Fotografie und Film in Teheran. Danach arbeitete er als Regieassistent von Abbas Kiarostami (Der Wind wird uns tragen). Sein erster Spielfilm Zeit der trunkenen Pferde (2000) verschaffte ihm in Arthouse-Kreisen internationale Bekanntheit. Darin stehen Kinder im Mittelpunkt, die sich in einem Krisengebiet durchschlagen müssen - ein Waisenjunge, mit zwölf das Älteste von sechs Geschwistern, versucht für die anderen zu sorgen. Als sein behinderter Bruder dringend eine Operation braucht, verkauft er das Kostbarste, was die Familie besitzt und wofür es einen Markt gibt: eine Schwester. Auch seinen dritten Spielfilm Schildkröten können fliegen aus dem Jahr 2004 erzählte er aus dem Blickwinkel von Kindern, die in einem Flüchtlingslager an der irakisch-türkischen Grenze leben. Ghobadis eigene Jugend war geprägt vom Ersten Golfkrieg. Zudem spielt Musik in den Filmen Ghobadis immer wieder eine große Rolle. (Dazu mehr auf der letzten Seite dieser Beilage). Ghobadis aktuellste Projekte, A Flag Without A Country und der Dokumentarfilm Life On The Border, konfrontieren den Zuschauer mit dem Krieg in Syrien. Sie liefern Eindrücke zum Zeitgeschehen jenseits aktueller Nachrichtenbilder. Life On The Border wurde von Bahman Ghobadi produziert, Regie führten aber Kinder, die in Flüchtlings-Camps im Irak und in Syrien filmten. Ghobadis Filme wurden von der Kritik bereits vielfach geehrt - und vom Publikum geliebt. Zeit der trunkenen Pferde erhielt 2000 die Goldene Kamera und den Fipresci-Preis in Cannes. Für Niemand kennt die Persian Cats ehrte man ihn mit dem Spezialpreis der Jury. Und für diesen Film gewann er sieben Publikumspreise - von Rotterdam bis Tokio. In Iran sind die Filme hingegen nur selten zu sehen.

Bahman Ghobadi am Mo., 27. Juni, 18 Uhr, bei Filmmakers Live in der Black Box im Gasteig. Kostenlose Tickets an den Festivalkassen. Alle Vorstellungen unter www.filmfest-muenchen.de

© SZ vom 22.06.2016
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