Weißer Ring:Täter statt Helfer

Ist die Aussage einer Frau in Not weniger wert als die eines Polizisten?

Von Thomas Hahn

In der größten Not bleibt nicht viel mehr als das Vertrauen auf die Hilfe anderer. Wenn selbst dieses Vertrauen missbraucht wird, brechen die letzten Sicherheiten weg, die eine Gesellschaft zu bieten hat. Deshalb ist der aktuelle Verdachtsfall bei dem Opferhilfe-Verein Weißer Ring so schlimm. Der frühere Leiter der Außenstelle Lübeck soll über Jahre hilfesuchende Frauen sexuell belästigt haben. Ein Albtraum scheint Wirklichkeit zu sein: der Helfer als Täter.

Man darf aus dem einen Fall jedoch nicht ableiten, dass hinter jedem guten ein böser Wille steckt. Gemeinnützige Organisationen wie der Weiße Ring bleiben wichtige Säulen einer Fürsorge, die der Staat allein nicht schultern kann. Aber gerade deshalb muss der Fall eine Mahnung sein; und zwar nicht nur für den Weißen Ring selbst. Der verdächtigte Ex-Außenstellenleiter war in Lübeck ein angesehener Mann, ein pensionierter Polizeihauptkommissar, der erste Mahnungen leicht aussitzen konnte; Politiker stellten sich gern an seine Seite. Wenn sie doch mal eine Beschwerde erreichte, prallte diese am bürgerlichen Grundverständnis ab, dass irgendeine Frau doch nicht glaubwürdiger sein könne als ein früherer Polizist. Zum Rücktritt wurde der Mann erst aufgefordert, nachdem eine Mitarbeiterin der Polizei von Belästigungen berichtet hatte.

Auch das ist eine bedrückende Erkenntnis dieses Falles: Missbrauch kann untergehen in der Selbstgefälligkeit des Establishments. Manche Opfer werden nicht richtig ernst genommen.

© SZ vom 20.03.2018
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