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Wein:Bocksbeutel im Baucontainer

Wie die Winzerverbände versuchen, sich mit neuem Marketing ins Gespräch zu bringen.

Schön wäre es ja schon für einen Winzer, wenn er leben könnte von jenen Bewunderern, die alle großen Lagen auswendig herbeten können und Flaschen jahrelang in wohltemperierten Kellern lagern, statt sie zu trinken. Aber von den Enthusiasten allein lassen sich die Kosten eines Weinguts nicht bestreiten. Und so lassen sich Weinproduzenten erstaunliche Dinge einfallen, um die Verbraucher zu erreichen.

Der ehrwürdige Verband Deutscher Prädikatsweingüter (VDP), dessen Name irgendwie an die Adenauerzeit erinnert, bietet seit Kurzem beispielsweise eine eigene Online-Plattform an. Auf der kann man sich dorthin zoomen, wo die großen Gewächse gedeihen: Unter www.weinberg-online.info gelangt man auf eine interaktive Karte, die alle Details über ein Weingut und seine besten Lagen liefert. Katja Apelt, die beim VDP in Mainz das Programm entwickelt hat, sagt: "Wer mehr wissen will, erhält über ein Infofenster Fotos, Fakten über die Steilheit, Höhe, Ausrichtung, den Boden oder das Klima sowie einen beschreibenden Text." Fehlt nur noch die Webcam, mit der man den Trauben beim Reifen zusehen kann.

Letztlich handelt es sich beim virtuellen Weinberg um eine Marketingmaßnahme der 196 deutschen Prädikatsweingüter für Kenner. Fachleute wie die Münchnerin Susanne Platzer wollen darüber hinaus aber noch andere Zielgruppen erreichen. Platzer unterstützt seit vielen Jahren Kampagnen wie "Spargel liebt Silvaner". Gerade ist sie wieder damit beschäftigt, das Weinviertel im Nordosten von Österreich, bekannt für seinen Grünen Veltliner, auch in Deutschland ins Gespräch zu bringen. Einen Monat lang stehen nun orangefarbene Liegestühle vor 15 Münchner Restaurants und weisen darauf hin, dass es dort Wein aus dem Weinviertel gibt. Ähnliche Aktionen gab es auch schon in Berlin. "Wein gilt immer noch als Sache von Spezialisten", sagt Platzer. Statt Produktionsweisen und Lagen solle man den Genuss in den Vordergrund stellen. Platzer: "Die Frage ist doch: Was kann ich mit dem jeweiligen Wein machen? Ist der was für die Party oder eher ein Geschenk für Oma und Opa?"

"Easy Drinking" oder "Spaß im Glas" lauten deshalb inzwischen die Slogans, mit denen Wein vermarktet wird. Das Deutsche Weininstitut lädt unter dem Titel "Generation Riesling" zum "Weinbiking" per Fahrrad durch deutsche Großstädte. Im neu entstehenden Münchner Werksviertel gibt es Frankenwein an der "Boxbeutel-Pop-up-Bar" im Baucontainer. Die Franken füllen ihre Weine übrigens inzwischen in eine neue, windschnittige Version des Bocksbeutels ab, den der international renommierte Designer Peter Schmidt entworfen hat. Und an der Mosel haben sich 120 Winzer unter dem Motto "Mythos Mosel" zusammengetan, was schon fast nach "Game of Thrones" klingt. Vergangenes Wochenende erst war Großverkostung von insgesamt 720 Weinen in 30 Weingütern zwischen Kesten und Zeltingen.

Solche Events kommen besonders bei der Jugend an. Und wer zuvor Wein nur danach einteilte, ob er Kopfweh macht oder nicht, sitzt dann vielleicht doch eines Tages mit dem Tablet im Restaurant, um sich auf Weinberg-online darüber sachkundig zu machen, was er da eigentlich so im Glas hat.

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