Wahl: Sieg für flämische Separatisten:Wie lange bleibt Belgien noch Belgien?

Lesezeit: 4 min

Niemand hätte damit gerechnet, dass Bart De Wever und seine flämischen Separatisten so viele Stimmen gewinnen. Viele befürchten schon, dass es Belgien in seiner jetzigen Form bald nicht mehr geben könnte.

Cerstin Gammelin, Brüssel

Am Tag danach sieht Bart De Wever aus wie jemand, den es kalt erwischt hat. Müde Augen, leise Stimme, wirres Haar - nichts verrät den strahlenden Wahlsieger des Vorabends, den Vorsitzenden der Nieuw-Vlaamse Alliantie (N-VA), die es praktisch aus dem Stand auf ein knappes Drittel der Stimmen in Flandern gebracht und damit die meisten Sitze im neu gewählten belgischen Parlament gewonnen hat. De Wever hat ein Ergebnis eingefahren, das so unwirklich erscheint, dass es ihn selbst und seine politischen Gegner offensichtlich in eine Art Schockstarre versetzt hat.

N-VA president De Wever reacts during a party meeting in Brussels

Bart De Wever, strahlender Wahlsieger in Belgien. 

(Foto: rtr)

"Als sei ein Tsunami über das Land gerollt"

"Es ist, als sei ein Tsunami über das Land gerollt", sagt ein belgischer EU-Diplomat, und es klingt beinahe entschuldigend. In der vergangenen Nacht habe wohl kein einziger Politiker des Landes länger als zwei bis drei Stunden geschlafen. "Wir haben zwar gewusst, dass die Separatisten Stimmen gewinnen würden, aber mit so vielen Stimmen hat keiner gerechnet", sagt er. Keiner wage mehr zu prognostizieren, wie lange es Belgien in seiner jetzigen Form noch geben werde.

Eine solche Prognose mag auch der Sieger nicht abgeben, obwohl er im Wahlkampf damit warb, Flandern langfristig als eigenständigen Staat in der Europäischen Union etablieren zu wollen. Von einer Trennung des aus den Flandern, der Wallonie und Brüssel bestehenden Staates Belgien ist nach der Wahl zunächst keine Rede.

De Wever gibt sich am Montagmittag eher wortkarg. Er sitzt in der Ecke eines bescheiden ausgestatteten Saals im Flämischen Parlament in Brüssel und sagt, was alle Wahlsieger sagen: Er wolle jetzt rasch mit den anderen Parteien reden, um zügig eine Regierung zu bilden. "Unser Land kann sich keine langen Verhandlungen leisten."

Belgien sei aufgrund des politischen Dauerstreits der vergangenen drei Jahre tief in die Krise geraten. Die Staatsverschuldung sei fast so hoch wie die Wirtschaftskraft. Die Arbeitslosigkeit steige, die Sozialsysteme würden unbezahlbar. Belgien gelte bereits als "Griechenland im Norden Europas". "Wir müssen unsere Reformen so schnell wie möglich umsetzen, damit unser Land auf den internationalen Märkten wieder mitreden kann", sagt De Wever und wischt sich den Schweiß von der Stirn. Dazu brauche es schnell eine stabile Regierung. Und, ach ja, das habe er ganz vergessen zu erwähnen, "natürlich bin ich glücklich über den Sieg".

De Wevers N-VA hat von den 150 Sitzen im belgischen Parlament 27 erobert. Die französischsprachigen Sozialisten (PS) liegen mit 26 knapp dahinter, ihre Genossen aus Flandern (SP.A) erhielten 13, so dass die Sozialisten zusammen die stärkste Kraft in der Volkskammer sein werden. Abgeschlagen folgen die französischsprachigen Liberalen MR mit 18, die flämischen Christdemokraten mit 17 sowie flämische Liberale (Open VLD) mit 13 Sitzen. Der rechtsradikale Vlaams Belang hat noch zwölf, dazu gibt es einige Splittergruppen. Um eine Regierungskoalition zu bilden, sind mindestens 76 Sitze nötig. Das bedeutet, dass sich die beiden Wahlsieger aus Flandern und der Wallonie für den Fall, dass sie zusammen regieren wollen, weitere Partner suchen müssten. Traditionell beauftragt der belgische König die stärkste Fraktion mit der Regierungsbildung. König Albert II. hat De Wever am Montag empfangen. Dieser erschien ohne Krawatte, was gegen die Gepflogenheiten verstößt.

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