Wahl in Italien Manege frei für den Politmagier

Der linksliberale Kandidat Veltroni scheint ohne Chance: Die Italiener haben dem Populisten Silvio Berlusconi wider besseres Wissen ihr Land anvertraut.

Ein Kommentar von Stefan Ulrich, Rom

Viele Italiener haben eine Schwäche für Patriarchen und Komödianten. Silvio Berlusconi ist beides. Auch deshalb haben ihn die Bürger nun zum dritten Mal zum Regierungschef gewählt. Etliche Menschen taten das wohl fast schon aus Trotz - gegen das eigene Unbehagen und das Unverständnis des Auslands.

Liegt vorne: Silvio Berlusconi

(Foto: Foto: AP)

Manche sind dabei dem speziellen Charme des Cavaliere erlegen. Sie folgen Berlusconi mit der gleichen Lust am Selbstbetrug, mit der Zirkuszuschauer einem Zauberer in der Manege glauben. Allein: Die Vorstellung dieses Politmagiers könnte fünf Jahre währen.

Andere, und sie stellen wohl die Mehrheit der Berlusconi-Wähler, sind weder verzaubert noch naiv, sondern nur furchtbar pragmatisch. Sie wählen mit dem Taschenrechner im Kopf. Dieser Rechner sagt ihnen, dass sie unter einem Premier Berlusconi fürs Erste mehr Geld in der Börse haben werden als unter einem Regierungschef Walter Veltroni.

Sie wissen aus Erfahrung: Berlusconi ist Populist genug, um bedenkenlos Steuergeschenke und alle möglichen Amnestien unters Volk zu streuen, auch wenn dabei der Staatshaushalt und die Rechtskultur zugrunde gehen.

Natürlich kann dies langfristig nicht gutgehen. Doch viele Wähler glauben ohnehin nicht, dass aus ihrem Staat noch etwas Gutes wird. Warum also Opfer für eine aussichtslose Sache bringen? Die Italiener sind, dem Vorurteil zum Trotz, ein pessimistisches Volk. Wer das bezweifelt, der braucht nur ihre Gegenwartsliteratur zu lesen.

Und der Hang zu Dolce Vita? Der ist kein Widerspruch, sondern entspricht dem Rat des florentinischen Renaissance-Herrschers Lorenzo il Magnifico: Wer kann, der möge den Augenblick genießen, da in Zukunft ohnehin alle bald "im Grunde modern".

Angesichts einer solchen nationalen Stimmung hat es ein linksliberaler Kandidat wie Veltroni schwer, der auch an Gemeinsinn und Opferbereitschaft appelliert und den Menschen die - dringend nötigen - "radikalen Reformen" nahebringen will. Wahrscheinlich hätte er schon einen dramatischen Blut-Schweiß-und-Tränen-Wahlkampf à la Winston Churchill führen müssen, um das Land aus seinem wehleidigen Konservativismus zu reißen und doch noch zu siegen.

Dazu fehlten Veltroni jedoch der Mut und der Rückhalt seiner Parteifreunde. Zudem konnte der linksliberale Post-Kommunist, der seit Jahrzehnten als Berufspolitiker agiert, nicht genug Wähler überzeugen, gerade er sei der frische, neue Mann, den das Land jetzt braucht.

Daher wird es nun zum wiederholten Mal heißen: Manege frei für den Cavaliere. Seine Äußerungen im Wahlkampf lassen befürchten, dass er die Macht erneut dafür nutzen will, die Justiz zu bekämpfen, sein Medienimperium abzusichern und sein Ego als Patriarch und Komödiant zu pflegen. Zwar hat Berlusconi im Wahlkampf zugesagt, er werde das Land sanieren. Doch die Erfahrung lehrt, ihm nicht zu glauben. Somit steht zu befürchten: Italien hat die Wahl verloren.

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