Vorbilder Dänisches Tempo

Fürs Auto wird es eng: Wie es Kopenhagen geschafft hat, dass fast die Hälfte der Pendler das Fahrrad nutzt.

Von Silke Bigalke

Radfahren ist in Kopenhagen so in Mode, dass sogar Lady Gaga bei einem Besuch aufs Zweirad stieg. Kronprinzessin Mary fährt ihre beiden Jüngsten regelmäßig mit dem Transport-Rad durch die dänische Hauptstadt. Ihre Zwillinge sitzen dann vorne in der großen Kiste vor dem Lenker. Und zum Antrittsbesuch bei der Königin kamen Minister des damaligen Kabinetts vor vier Jahren auch schon mit dem Rad. Radfahren gehört zur Kopenhagener Kultur. Dahinter steht die lange Tradition radelnder Dänen, aber auch eine konsequente Förderpolitik. Den Stadtrat dominieren seit Jahrzehnten die Sozialdemokraten. Mehr als eine Milliarde dänischer Kronen (134 Millionen Euro) steckte er in den vergangenen zehn Jahren in den Radverkehr. Er folgt dem Prinzip, es Radfahrern so leicht wie möglich und Autofahrern möglichst schwer zu machen.

Den Erfolg misst das Verkehrsdezernat jedes zweite Jahr im "Fahrradbericht". An einem durchschnittlichen Werktag legen die Kopenhagener gemeinsam 1,34 Millionen Kilometer mit dem Rad zurück, eine Strecke, die mehr als 31 Mal um die Erde reichen würde. An manchen Ecken kommen täglich mehr als 42 000 Velos vorbei, zum Beispiel an der viel befahrenen Nørrebrogade. Die führt von Nordwesten geradewegs ins Zentrum und ist für Autos teilweise gesperrt. 2011 beschloss der Stadtrat, Kopenhagen zur fahrradfreundlichsten Stadt der Welt zu machen. Sein wichtigstes Ziel: Bis Ende 2015 sollen die Hälfte aller Wege zu Arbeit- und Ausbildungsplatz mit dem Rad zurückgelegt werden. 2014 lag dieser Anteil bereits bei 45 Prozent.

Wie in vielen großen Städten geht es in Kopenhagen dabei auch um Platz, denn der ist knapp. Kanäle und Hafen zwingen die Menschen zusätzlich zu Umwegen. Für Radfahrer baut die Stadt daher immer wieder neue Brücken. Vergangenes Jahr öffnete die Cykelslangen, ein gewundener Übergang nur für Fahrräder, der die Lücke zwischen dem viel genutzten Bahnhof Dybbølsbro und der Fahrradbrücke über den Südhafen schließt. Dieses Jahr wurde eine Brücke für Fußgänger und Radfahrer fertig, die die berühmte Hafenfront des Nyhavn mit Christianshavn auf der anderen Seite des Wassers verbindet.

Für Autos dagegen wird es enger. Das deutlichste Beispiel ist die Königin-Luise-Brücke im Zentrum. Radfahrer haben hier vier Meter Platz, auf jeder Seite. Für Autos bleibt nur je eine Spur in der Mitte. Das Ergebnis: Fahrräder machen 86 Prozent des Verkehrs auf dieser Brücke aus, Autos nur 14. Die Radrouten in Kopenhagen werden zudem immer schneller. An manchen Straßen richtet sich mittlerweile sogar die Ampelschaltung nach dem Tempo der Radler. Die breiten Wege der Innenstadt setzen sich auf sogenannten Radautobahnen für Pendler bis in die Vororte fort. Mülleimer am Wegesrand neigen sich ihnen entgegen, damit sie diese auch im Vorbeirasen treffen können. Tempo ist wichtig. Denn die Kopenhagener steigen laut Umfrage vor allem aus einem Grund aufs Rad: Weil sie so schneller ankommen.

Der breite Strom an Zweiräder, der durch die Stadt rauscht, überfordert jedoch häufig den, der nicht mit ihm fließt. "Fußgänger und Autofahrer sagen, die Radfahrer seien rüde und halten sich nicht an die Regeln", sagt Jette Gotsche vom dänischen Radfahrerverband. Eine Umfrage ihres Verbands hat ergeben, dass jeder vierte Verkehrsteilnehmer täglich beobachtet, wie Radfahrer gegen Regeln verstoßen, über rote Ampeln und durch Fußgängerzonen fahren. "Man kann sagen, dass manche nicht sehr rücksichtsvoll fahren", sagt Gotsche. "Aber die meisten tun es schon." Unfälle passieren relativ selten, 2013 wurden 111 Radfahrer ernsthaft verletzt. Das mag auch daran liegen, dass andere Verkehrsteilnehmer den Radlern oft schon automatisch Vorfahrt einräumen. "Einige Leute denken, dass Radfahrer die Stadt übernommen haben, dass sie die Regeln nicht respektieren, Verkehrszeichen missachten, auf Bürgersteigen fahren und Autos kein Zeichen geben, wenn sie abbiegen wollen", sagt Niels Jensen, Verkehrsplaner bei der Stadt. "Das ist eine ständige Diskussion."

Jens-Kristian Lütken geht die Fahrradliebe zu weit. Er sitzt für die Liberalen im Stadtrat. "Ich fahre auch Rad", sagt er. "Doch viele Menschen sind immer noch aufs Auto angewiesen. Für sie ist es schwierig, durch Kopenhagen zu kommen." Geschäfte auf der Nørrebrogade hätten schließen müssen, weil Kunden und Lieferanten sie kaum noch mit dem Auto erreichten. Rasmus Jarlov von den Konservativen ist derselben Meinung: "In den vergangenen fünf Jahren ist jährlich eine große Straße für Autos geschlossen worden."

Jarlov ärgern auch teure Prestige-Programme wie das City Bike. Das sind öffentliche Leihräder, wie es sie in vielen Städten gibt. Kopenhagen wollte auch hier alle ausstechen und stellte schwere Elektroräder mit eingebautem Tablet-PC inklusive Navi an seine Leih-Stationen. Die Hightech-Räder sind teuer, werden weniger genutzt, als erwartet. "Ein Show-off-Projekt", sagt Lütken. "Ein großer Misserfolg", sagt Jarlov. Gegen das Grundprinzip, Radfahren zu fördern, haben beide jedoch nichts. Wie wohl die Mehrheit der Kopenhagener. Schließlich ist die Mehrheit selbst mit dem Rad unterwegs.