Vatikan Stille vor dem Gegenschlag

Elf Seiten Vorwürfe gegen Papst Franziskus eine Reihe hochrangiger Mitarbeiter: Erzbischof Carlo Maria Vigano.

(Foto: Patrick Semansky/AP)

Die Vorwürfe haben den Papst erreicht, Erzbischof Carlo Maria Viganò hält ihm schwere Versäumnisse vor. Franziskus schweigt dazu - noch.

Von Oliver Meiler

Die Wahrheit, sagt der Papst, sei still. Damit sie sich offenbare, brauche es nur Gebet und Schweigen. Tatsächlich? Der Lärm um Papst Franziskus herum ist mittlerweile so laut geworden, dass sein Schweigen womöglich falsch interpretiert werden könnte. Und so schickt sich die katholische Kirchenspitze nun an, sich den Anwürfen von Erzbischof Carlo Maria Viganò, einst Nuntius in Washington, zu stellen. Wie man hört, ist ein Papier in Arbeit, das alle Vorwürfe von Franziskus' Widersacher kontern soll. Aus dem Vatikan heißt es, der Heilige Stuhl sei jetzt dabei, "eventuelle und nötige Klarstellungen" zu formulieren. Nötig sind sie bestimmt.

Viganò hatte einen elfseitigen Klagebrief gegen Franziskus und gegen eine Reihe hochrangiger Prälaten verfasst; damit erreichte der internationale Missbrauchsskandal vor drei Wochen erstmals das Herz der Kirche, die römische Kurie - und den Chef persönlich. Ob die Vorwürfe wahr sind, ist unklar. Doch allein schon der Verdacht, der Papst könnte es vielleicht gar nicht so ernst meinen mit der Transparenz, untergräbt seine Glaubwürdigkeit. Viganò behauptet, Franziskus habe spätestens seit 2013 von den sexuellen Vergehen des amerikanischen Kardinals Theodore McCarrick gewusst und dennoch lange nichts unternommen. Viganò will ihn bei einem privaten Treffen im Vatikan unterrichtet haben. Im Raum steht auch der Vorwurf, Franziskus habe Sanktionen, die sein Amtsvorgänger Benedikt XVI. gegen McCarrick verhängt haben soll, einfach aufgehoben. Auch dafür legt Viganò keine Beweise vor.

Als Franziskus von dem Brief erfuhr, weilte er gerade auf Pastoralvisite in Irland, seiner bisher schwierigsten Reise. Auf dem Rückweg sagte er zu den mitgereisten Journalisten, er wolle Viganòs Vorwürfe nicht kommentieren. Das "Dokument" spreche ja für sich selbst. Sehr lange sollte er sich jedoch nicht an seine Kommunikationsstrategie halten. Zwei Mal schmuggelte Franziskus seither einen Kommentar zum Fall Viganò in die Frühmesse in der Kapelle von Santa Marta, dem Gästehaus, in dem er wohnt. Die Kapelle ist klein, die Mauern aber reden. "Leuten", sagte er, "die von Böswilligkeit getrieben sind, die nur auf Skandal aus sind, auf Spaltung und Zerstörung, sogar innerhalb der Familie, denen begegnet man mit Stille und Gebet." Einige Tage später sah er hinter dem Treiben des Spalters das Werk Satans, des großen Verführers.

Der Kritiker, Erzbischof Viganò, soll selbst gelogen haben, um einer Versetzung zu entgehen

Über Viganò wurden unterdessen Geschichten publik, die ihm nicht schmeicheln. Als Benedikt XVI. ihn 2011 nach Washington "strafversetzte", wie er es nannte, versuchte er mit einer Lüge der Entsendung zu entkommen. Er behauptete, sein Bruder Lorenzo, der in Rom lebe, sei schwer krank, er müsse sich um ihn kümmern. Daraufhin meldete sich Lorenzo aus Chicago, wo er tatsächlich lebt: Es gehe ihm gut. Von Carlo Maria habe er seit einem Erbstreit vor vielen Jahren nichts mehr gehört. Es ging um Millionen und Immobilien.

Brisanter ist ein Video. Man sieht darin Viganò in New York am Rednerpult bei einer Gala zu Ehren McCarricks, dem er salbungsvoll versichert: "Wir alle lieben Sie." Aufgenommen wurde die Szene 2012. Nur ein Jahr später will er Franziskus vor ebendiesem McCarrick als "Serientäter" gewarnt haben, weil der "Generationen von Seminaristen und Priestern" verdorben habe. Der Papst, behauptet Viganò, habe "brüsk und aggressiv" reagiert. Auch von diesem Treffen in Rom gibt es Aufnahmen: Nach der Audienz lächelt Bergoglio herzlich und dankt dem Nuntius für seine Dienste in Amerika. Noch steht Aussage gegen Schweigen.