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Vatikan:Kirche öffnet sich leicht für Geschiedene

Die Vatikan-Synode votiert für "mehr Integration" in die Gemeinden. Papst Franziskus sagt "dass die wahren Verteidiger der Lehre nicht jene sind, die den Buchstaben verteidigen, sondern den Geist".

Die katholische Kirche öffnet sich Geschiedenen, die wieder geheiratet haben - ein bisschen und deutlich weniger, als viele Katholiken vor allem in den westlichen Ländern erhofft haben. Nach drei Wochen kontroverser Beratung im Vatikan verabschiedeten die 265 anwesenden stimmberechtigten Teilnehmer der Bischofssynode zum Thema Ehe und Familie am Samstag ein Abschlussdokument, das den Vorschlag des Kurienkardinals Walter Kasper unberücksichtigt lässt, Katholiken in zweiter Ehe in Einzelfällen zu den Sakramenten zuzulassen, von denen sie nach katholischer Lehre ausgeschlossen sind.

Im verabschiedeten Text heißt es nun, Katholiken in zweiter Ehe müssten "mehr in die christlichen Gemeinden integriert werden". Sie sollen sich "nicht exkommuniziert fühlen". Wichtig sei es zu unterscheiden, wie eine Trennung verlaufen sei oder wie die ehemaligen Partner sich um die Kinder kümmern. Die Gläubigen müssten eine "Gewissensentscheidung über ihre Lage vor Gott" treffen und im Seelsorgegespräch mit dem Priester klären, "was die Möglichkeit einer volleren Teilnahme am Leben der Kirche ermöglicht". Auch diese vorsichtigen Formulierungen waren bis zuletzt umstritten, weil auch sie den Empfang der Sakramente in einzelnen Fällen nicht definitiv ausschließen. Bei der Schlussabstimmung wurde die notwendige Zweidrittelmehrheit bei diesen Punkten nur knapp erreicht. Nur einen Abschnitt verliert das Dokument über Homosexualität, wo es heißt, Homosexuelle dürften nicht diskriminiert werden.

Papst Franziskus rief nach der Abstimmung die Synodalen auf, den gemeinsamen Weg weiterzugehen. Er wies auf die Vielfalt in der Kirche hin: "Jedes Prinzip muss in die Kultur eingebettet sein, wenn es angewandt werden soll", sagte er. Die Kirche stehe zu ihrer Ehelehre, die Synode aber habe gezeigt, "dass die wahren Verteidiger der Lehre nicht jene sind, die den Buchstaben verteidigen, sondern den Geist; nicht die Idee, sondern den Menschen". Bei der Abschlussmesse sagte er, die Bischöfe müssten sehen, "was wirklich los ist" und nicht nur das, "was wir wirklich sehen wollen". Nach dem Ende des Beratungsprozesses, der insgesamt zwei Jahre dauerte, muss nun der Papst entscheiden, was mit den Ergebnissen geschieht; Kirchenkreise erwarten die Veröffentlichung eines Schreibens im nächsten Jahr, das Franziskus als ein "Heiliges Jahr der Barmherzigkeit" ausgerufen hat.

Der Münchner Kardinal und Bischofskonferenzvorsitzende Reinhard Marx lobte das Ergebnis der Synode: "Wir sind sehr froh, dass es so gelaufen ist." Es seien "keine Türen geschlossen worden". Der Wiener Kardinal Christoph Schönborn erklärte, noch nie habe sich eine Synode so intensiv mit einem Thema befasst; herausgekommen sei ein "großes Ja zur Familie". Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Alois Glück, sagte, seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil sei nicht mehr "so intensiv, offen und kontrovers um den Weg der Kirche gerungen" worden.

© SZ vom 26.10.2015

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