Vatikan Die Personalpolitik des Papstes

Homosexuelle sollten laut Franziskus nicht in Priesterseminare und Orden aufgenommen werden. "Im geweihten und im priesterlichen Leben hat diese Art der Zuneigung keinen Platz."

Von Oliver Meiler, Rom

Von diesem Papst kann man nicht behaupten, er verstecke seine Meinung hinter hölzernen Formulierungen. Wäre ja zu einfach. Franziskus scheut auch die heiklen Themen mit breiter gesellschaftspolitischer Bedeutung nicht, im Gegenteil. Oftmals, gerade wenn er spontan gesprochen hat, schleifen sie im Vatikan hernach die schärfsten Kanten etwas ab.

Diesmal aber war nichts spontan geschehen. In dem Interviewbuch "Die Kraft der Berufung" des spanischen Herz-Marien-Missionars Fernando Prado, aus dem am Wochenende Passagen vorab veröffentlicht wurden, redet Franziskus ausgiebig darüber, warum Männer ihr Leben der katholischen Kirche widmen wollten. Als er gefragt wird, was er von der Homosexualität im Klerus halte, sagt er: "Das macht mir Sorgen." Das sei "eine sehr ernste Angelegenheit". Menschen "mit dieser tief verwurzelten Neigung", findet der Papst, sollten nicht aufgenommen werden in religiöse Orden und Priesterseminare. "Im geweihten und im priesterlichen Leben hat diese Art der Zuneigung keinen Platz."

Franziskus erzählt in dem Buch von seiner Begegnung mit einem Geistlichen. Der war durch eine Provinz seiner Kongregation gereist und hatte dabei verwundert festgestellt, dass viele "gute Studenten" und einige bereits lang gediente Geistliche an den Ausbildungsstätten schwul seien. "Er hatte Zweifel, was er davon halten sollte", sagt der Papst, "er fand dann aber, dass das alles nicht so schlimm sei, dass es sich da nur um einen Ausdruck von Zuneigung handle. Das ist ein Fehler."

Die Kirche müsse bei der Auswahl ihres Personals anspruchsvoll sein, fügte Franziskus an, und das beginne schon bei der Sichtung der Kandidaten. Manchmal komme es vor, dass die Anzeichen nicht von Anfang an erkennbar seien. "In der Ausbildung müssen wir die menschliche und gefühlsmäßige Reifung pflegen." Es mache nämlich den Anschein, dass die Homosexualität in unseren Gesellschaften "sogar zu einer Mode" geworden sei und dass diese Mentalität in gewisser Weise auch auf das Leben der Kirche abfärbe.

Die Tonalität dieser Aussagen steht im starken Kontrast zu dem, was Jorge Mario Bergoglio am Anfang seines Pontifikats zur Homosexualität in der Kirche sagte. Er war gerade erst einige Monate im Amt, als ihn auf der Rückreise aus Brasilien die mitgereisten Journalisten im Flugzeug auf die angebliche "Schwulenlobby" im Vatikan ansprachen. "Wenn eine Person schwul ist, den Herrn sucht und guten Willens ist", sagte der Papst, "wer bin ich denn, um über sie zu richten?"

Viele deuteten dieses "Wer bin ich denn?" bereits als Auftakt für eine Lockerung der katholischen Doktrin, wonach allem Ausleben der Homosexualität gewehrt werden müsse. Mehr als fünf Jahre ist das her. Passiert ist seither wenig. Nur das Leugnen des Phänomens hat aufgehört. "Die Realität", sagt der Papst, "lässt sich nicht abstreiten."