USA In den Startlöchern

Mit „Run, Joe, run“-Rufen feuern die Männer und Frauen der International Association of Fire Fighters in Washington ihren Wunschkandidaten Joe Biden an. Der vertröstete seine Fans: Sie sollten ihre Energie noch aufheben, er werde sie „womöglich in ein paar Wochen“ brauchen.

(Foto: Andrew Harnik/AP)

Joe Biden, Veteran der Demokraten und früherer Vizepräsident, könnte bald ins Rennen um das Weiße Haus einsteigen. Er wäre wohl einer der Favoriten, und das hat gute Gründe: Er ist erfahren und spricht die Mitte an.

Von Alan Cassidy, Washington

"Run, Joe, run!", riefen die Feuerwehrleute, "Run, Joe, run!", stand auf den Schildern, die sie in die Höhe hielten. So hieß eine in Amerika populäre Fernsehserie aus den Siebzigern über einen gleichnamigen Schäferhund, aber das war nicht das, was die Männer und Frauen der International Association of Fire Fighters meinten. Auf der Bühne vor ihnen stand am Dienstag Joe Biden, Veteran der Demokratischen Partei. Schon eine gefühlte Ewigkeit spielt er mit dem Gedanken, für die US-Präsidentschaft zu kandidieren. Nun, so die Rufe der Feuerwehrleute, solle er endlich antreten. Biden tat ihnen den Gefallen nicht. "Hebt euch die Energie noch auf", sagte er, "ich werde sie womöglich in ein paar Wochen brauchen."

Ein paar Wochen, ein paar Tage: Kaum jemand in Washington zweifelt noch daran, dass Biden seine Kandidatur bald bekannt geben wird. Mehr als ein Dutzend Bewerber gibt es bei den Demokraten bereits, doch Bidens Eintritt in das Rennen um die Nominierung würde vieles verändern. Der 76-Jährige wäre auf einen Schlag in der Rolle des Favoriten. Laut der Website FiveThirtyEight liegt er in 25 von 26 Umfragen unter demokratischen Parteigängern an der Spitze. Das hat damit zu tun, dass Biden schlicht viel bekannter ist als die meisten anderen Interessenten. Das hat aber auch damit zu tun, dass es aus demokratischer Sicht durchaus Gründe gibt, Biden zum Herausforderer von Donald Trump zu machen.

Da ist erstens Bidens Erfahrung. In seinen acht Jahren als Vizepräsident von Barack Obama und in seinen vielen Jahren als Senator eignete er sich praktisches Politikwissen an, das ihn von allen Konkurrenten abhebt. Er wäre eine sichere Hand in unsicheren Zeiten, stabilisierend nach innen und nach außen, wo es gilt, bei den verstörten Verbündeten Amerikas wieder Vertrauen in die alten Bündnisse zu schaffen - so zumindest stellen es Bidens Unterstützer dar. "Wir brauchen einen Kapitän, der uns durch stürmische See führen kann", schrieb der demokratische Stratege Peter Fenn auf dem Portal The Hill.

Da ist zweitens sein Profil. Biden politisiert am rechten Flügel der Demokraten, Forderungen wie jene nach einer staatlichen Einheitskrankenkasse trägt er nicht mit. Als Sozialisten kann man ihn schlecht abstempeln. Das macht ihn für jene Wähler attraktiv, denen das jetzige Kandidatenfeld der Demokraten zu links ist. Vor allem aber pflegte er einen anderen Stil: eher auf Kompromiss denn auf Konfrontation bedacht. "Ich habe in der New York Times gelesen, dass meine Kandidatur das Problem hätte, dass ich Republikaner mag", sagte er bei einem Auftritt vor einigen Wochen. "Na gut, in diesem Fall: Vergib mir, Vater, denn ich habe gesündigt." Solche Töne werden jene Leute gerne hören, die genug haben von der immer schärferen Polarisierung der jüngsten Zeit, an der auch die Demokraten eine Mitschuld tragen.

Und da ist drittens seine Herkunft. Trotz einer jahrzehntelangen Laufbahn als Berufspolitiker betont Biden gerne seine Wurzeln im Rostgürtel von Pennsylvania, wo er aufwuchs, bevor seine Familie an die Küste von Delaware zog. Biden, so das Kalkül, hätte als weißer Mann mit einer einfachen Sprache bessere Chancen, jene Wähler der Arbeiterschicht abzuholen, die die Demokraten 2016 an Trump verloren. In der Parteiführung scheint dieses Kalkül derzeit an Gewicht zu gewinnen. Diese Woche entschied sie, den Nominierungsparteitag in Milwaukee auszutragen, im Bundesstaat Wisconsin, der ebenfalls zur Kampfzone des Mittleren Westens gehört.

Manche Demokraten träumen schon von einem Zweierticket: Biden und Beto O'Rourke als Vize

Auf der anderen Seite gibt es aber eben auch Gründe, warum Biden mit seiner Entscheidung zögert. Da ist, natürlich, sein Alter: Als Biden 1973 zum ersten Mal als Senator vereidigt wurde, saß im Weißen Haus noch Richard Nixon, der Bundeskanzler hieß Willy Brandt - eine längst vergangene Zeit. Und Bidens lange Karriere bietet eine Fülle von Material, das sich gegen ihn verwenden lässt. Die Washington Post erinnerte vergangene Woche daran, dass sich Biden 1975 mit deutlichen Worten gegen Maßnahmen zur Aufhebung von Rassentrennung an Schulen ausgesprochen hatte. Er fühle sich nicht verantwortlich "für die Sünden meines Vaters und meines Großvaters", sagte er, sondern für jene seiner eigenen Generation.

Und dann war da auch die unglückliche Weise, in der Biden als Vorsitzender des Justizausschusses mit der Anhörung von Anita Hill umging, die 1991 Vorwürfe wegen sexueller Belästigung gegen den Bundesrichter Clarence Thomas erhob. Hill wurde damals von vielen Senatoren "diffamiert", wie Biden später einräumte.

Möglich ist schließlich, dass Bidens Ankündigung von einem anderen Demokraten überschattet wird: Beto O'Rourke steht nach Medienberichten ebenfalls davor, seine Präsidentschaftskandidatur zu erklären. Auch O'Rourke, der vergangenes Jahr in Texas beim Versuch unterlag, Senator Ted Cruz zu verdrängen, würde wohl um Wähler in der Mitte kämpfen. Im Vergleich zu Biden nimmt sich der politische Leistungsnachweis des früheren Kongressabgeordneten allerdings bescheiden aus.

Dafür ist O'Rourke drei Jahrzehnte jünger, er wäre mehr auf der Linie des "kulturellen Zeitgeists", wie es die Washington Post nennt - der Hipster-Kandidat, der auf seinem Fahrrad zu Auftritten am South-by-Southwest-Festival in Austin fährt. Manche Demokraten träumen deshalb von einem Zweierticket: Biden als Übergangspräsident, O'Rourke als sein Vize, der dann in vier Jahren übernimmt. Vorerst ist es nicht mehr als das: ein Traum.