USA:Erinnerungen in Orange

Der im vergangenen Jahr geschasste FBI-Chef James Comey präsentiert sein Trump-Buch. Er lässt darin kein gutes Haar an seinem Präsidenten.

Von Christian Zaschke, New York

Als der ehemalige FBI-Direktor James Comey zum ersten Mal auf Donald Trump traf, fiel ihm zunächst die ungewöhnliche Gesichtsfarbe des US-Präsidenten auf. "Sein Gesicht hatte einen leicht orangefarbenen Teint mit hellen Halbmonden unter den Augen. Ich nehme an, er trägt eine Schutzbrille, wenn er ins Solarium geht", schreibt Comey in seiner mit Spannung erwarteten Autobiografie, die am kommenden Dienstag veröffentlicht wird. Das ist keine neue Beobachtung und auch keine bahnbrechende Enthüllung, aber ein gutes Beispiel für den Ton, in dem Comey über Trump schreibt. Die Geringschätzung, die er für den Präsidenten empfindet, spricht aus jeder Zeile.

Comey ist im Mai vergangenen Jahres als FBI-Chef von Trump gefeuert worden. Seither sind die beiden Männer einander in inniger Abneigung verbunden. Meist fochten sie ihre Dispute auf Twitter aus Nun legt Comey sein Buch vor, in dem es größtenteils um seine Karriere im FBI geht, der zentralen Sicherheitsbehörde der USA. Dass das Werk schon vor dem offiziellen Erscheinungstermin auf den Bestsellerlisten steht, liegt nicht an den vielen Seiten, auf denen Comey über seine Laufbahn und seine Werte sinniert, sondern an den wenigen Kapiteln, in denen er seine Interaktionen mit Trump beschreibt. "A Higher Loyalty - Truth, Lies and Leadership" lautet der Originaltitel des Buches, auf Deutsch heißt es "Größer als das Amt - Auf der Suche nach der Wahrheit".

James Comey

"Ich fühlte mich an die Klubs der New Yorker Mafia erinnert, die ich in den 1980er- und 1990er-Jahren als Staatsanwalt kennengelernt hatte."

Wer sich neue, tiefer gehende Erkenntnisse über den 45. US-Präsidenten versprochen hatte, wird enttäuscht. Das meiste, was Comey schreibt, ist bereits bekannt, nur eben nicht so episch ausgeschmückt. Comey findet Zeit, auf die zu lang gebundenen Krawatten Trumps einzugehen und sogar auf dessen vielbeschriebene Frisur: "Seine Haare waren strahlend blond und beeindruckend hindrapiert. Ich weiß noch, dass ich mich fragte, wie lange er morgens wohl brauchte, bis er das so hinbekam." Wie die Passage über das orangefarbene Gesicht ist diese Beschreibung vordergründig harmlos, aber der Nachsatz soll offenkundig deutlich machen, dass er Trump für einen Fatzke hält, der seine Zeit mit dem Arrangieren seiner Haare verschwendet. Noch eine kleine Gemeinheit dieser Art: "Als er mir die Hand entgegenstreckte, stellte ich fest, dass sie kleiner war als meine, aber nicht ungewöhnlich klein." Es ärgert den Präsidenten ungemein, dass er wegen seiner kleinen Hände verspottet wird.

Die für Trump gefährlichste Passage ist eine, über die Comey schon einmal Auskunft gegeben hat. Nachdem Trump seinen Ex-Sicherheitsberater Michael Flynn feuern musste, weil dieser im Amt gelogen hatte, sagte er angeblich zu Comey, dass er hoffe, dieser könne die Sache auf sich beruhen lassen. Flynn sei doch ein guter Mann. Die Frage ist, ob diese Bitte so ernst zu nehmen war, dass sie eine Aufforderung zur Einflussnahme auf die oder gar zur Behinderung der Justiz darstellt. Comey nennt die Szene "besorgniserregend". Ebenfalls bereits bekannt ist eine Episode, in der Trump bei einem Abendessen von Comey Loyalität forderte. Darauf bezieht sich der Originaltitel des Buches, mit dem Comey zu verstehen gibt, dass seine Loyalität eben nicht Trump, sondern dem Land und dem Gesetz gilt.

USA: Nichts, aber auch wirklich nichts Gutes kann der im vergangenen Jahr geschasste FBI-Chef James Comey an seinem Präsidenten finden.

Nichts, aber auch wirklich nichts Gutes kann der im vergangenen Jahr geschasste FBI-Chef James Comey an seinem Präsidenten finden.

(Foto: Brendan Smialowski/AFP)

Am interessantesten sind die Passagen, in denen Comey das System Trump beschreibt und Einschätzungen von dessen Charakter anbietet. Comey hat in seiner Laufbahn unter anderem lange gegen die New Yorker Mafia ermittelt, und als er erstmals mit Trump und dessen Team zusammensaß, wähnte er sich in diese Zeit zurückversetzt. "Ich fühlte mich an die Klubs der New Yorker Mafia erinnert, die ich in den 1980er- und 1990er-Jahren als Staatsanwalt kennengelernt hatte", schreibt er: "Der Ravenite Club der Gambinos. The Palma Boys Social Club, in dem ,Fat Tony' Salerno mit seinen Kumpels feierte. Das Café Giordano, wo dem FBI 1988 ein erster großer Schlag gegen die Dons gelungen war." Dass ein ehemaliger FBI-Chef den amtierenden amerikanischen Präsidenten so offen mit Mafia-Bossen vergleicht, ist durchaus bemerkenswert.

Comey beschreibt Trump als habituellen Lügner, als unethischen Anführer, der frei sei von menschlichen Emotionen und alles seinem Ego unterordne. Nichts, aber auch wirklich nichts Gutes kann Comey an Trump finden. Was dessen Präsidentschaft für die USA bedeutet, hat er so zusammengefasst: "Wir durchleben in unserem Land gerade eine gefährliche Zeit, mit einem politischen Klima, in dem Fakten angezweifelt, fundamentale Wahrheiten infrage gestellt, Lügen für normal erklärt und unethisches Verhalten ignoriert, entschuldigt oder sogar belohnt werden."

Comey wird nun eine Reihe von Fernsehauftritten absolvieren und mit dem Buch durch die USA touren. Trumps Team hat derweil eine Kampagne vorbereitet, um die Glaubwürdigkeit Comeys zu unterminieren, unter anderem mit der just eingerichteten Website "Lyin' Comey" (Lügender Comey).

Trump reagierte am Freitag auf seine Art - über Twitter bezeichnete er Comey als "verlogenen Schleimscheißer".

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