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US-Bürger in Saudi-Arabien:Ziel des Argwohns und des Hasses

Die Terroristen wollen die Amerikaner "vom heiligen Boden" des Landes von Mekka und Medina vertreiben und deren Freundschaft mit den Saudis zerstören.

Peter Münch

(SZ vom 13. Mai 2003) Die Terror-Gefahr hatte einen langen Schatten geworfen in Saudi-Arabien, doch mit einem solchen Anschlag - so präzise, so gut koordiniert, so blutig und so exakt terminiert vor der Ankunft des US-Außenministers Colin Powell in Riad - hatte wohl keiner gerechnet.

Als in der Nacht zum Dienstag die Selbstmord-Attentäter ihre Bomben zeitgleich in drei gut bewachten Ausländer-Wohnvierteln im Nordosten der Hauptstadt und wenig später noch in einem saudisch-amerikanischen Firmenkomplex explodieren ließen, war klar, dass alle Warnungen und Schutzvorkehrungen vergeblich waren.

Die Anschläge sind nach einer längeren Phase überraschender Ruhe natürlich ein schwerer Rückschlag in dem von Washington geführten globalen Anti-Terror-Krieg. Und zugleich sind sie eine gefährliche Herausforderung für das saudische Königshaus, für das gute Beziehungen zu den USA zur Staatsräson gehören.

Das Ziel der Terroristen ist klar: Sie wollen die Amerikaner "vom heiligen Boden" des Landes von Mekka und Medina vertreiben, und sie wollen zugleich die von der saudischen Elite gepflegte Freundschaft zu den USA zerstören und damit letztlich auch die Macht des Herrscherhauses unterminieren. Nach dem Golfkrieg von 1991, in dem Saudi-Arabien als Basislager für die alliierten Truppen zur Befreiung Kuwaits gedient hatte, blieben 5000 US-Soldaten im Land.

Zumeist waren sie in der gut gesicherten Prinz Sultan Airbase stationiert und damit weitgehend unsichtbar im saudischen Alltag. Dennoch wurden sie zunehmend zum Ziel des Argwohns und des Hasses.

Anschläge wie in den Jahren 1995 und 1996, bei denen insgesamt 24 US-Soldaten starben, sowie einige kleinere Attacken in den folgenden Jahren hatten die Amerikaner nicht vertreiben können. Doch der Sieg über Saddam Hussein im benachbarten Irak hat die Verhältnisse grundlegend geändert: Bei einem Besuch von US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld in Riad Ende April wurde der Abzug der US-Truppen, die während des Kriegs stillschweigend auf 10000 Mann verdoppelt worden waren, auf einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Verteidigungsminister Prinz Sultan feierlich verkündet.

USA haben sich neue Optionen eröffnet

Dieser Rückzug jedoch reicht den radikalen Elementen offenbar nicht aus. Denn die Ankündigung war verknüpft mit einem demonstrativen Bekenntnis der saudischen Führung zu guten Beziehungen mit Washington. Daran muss Riad nach dem Irak-Krieg, der auch vom Königshaus abgelehnt worden war, noch mehr gelegen sein als zuvor. Denn die Amerikaner haben sich nun in Bagdad neue Optionen eröffnet: Sie sind künftig weniger abhängig vom saudischen Öl, und sie können sich nach Gutdünken neue Militär-Stützpunkte einrichten.

Saudi-Arabiens Lage hat sich also geschäftlich und strategisch enorm verschlechtert, und die Abhängigkeit von den USA, wo jährlich für Milliarden von Dollars Waffen gekauft werden, hat sich noch verstärkt.

Die Regierung in Riad sieht sich also in der Pflicht, den USA etwas zu liefern. Waren nach den Angriffen vom 11. September 2001 die offenkundigen Terror-Verstrickungen im Heimatland Osama bin Ladens noch heftig dementiert worden, so hat das Königshaus in jüngster Zeit den Kampf gegen al-Qaida-Zellen intensiviert - und vor allem öffentlich gemacht.

Kein Rückhalt beim Kampf gegen den Terror

Am 6. Mai hatte es in Riad eine Razzia gegen Islamisten gegeben, denen die Planung von Anschlägen auf amerikanische Einrichtungen sowie auf Mitglieder des Königshauses vorgeworfen wurde. In der staatlich gelenkten Presse waren anschließend in nie dagewesener Offenheit die umfangreichen Waffen- und Sprengstofffunde sowie Fahndungsfotos von insgesamt 19 immer noch flüchtigen Männern präsentiert worden.

Bei ihrem Kampf gegen den Terror kann die Regierung jedoch kaum mit großem Rückhalt rechnen. Umfragen nach dem 11. September hatten ergeben, dass bis zu 90 Prozent der saudischen Jugend trotz fast bedingungsloser Hingabe an die westlichen Konsumgewohnheiten für den zu einer Art Robin Hood verklärten bin Laden schwärmen. Amerika dagegen bekam zunehmend ein Negativ-Image: als vermeintliche Schutzmacht Israels gegen die Palästinenser und als "Kreuzzügler" gegen den Islam von Kabul bis Bagdad. Selbst im weit verzweigten Königshaus mit seinen 5000 Prinzen gibt es eine Fraktion der Anti-Amerikaner.

Jenseits der öffentlichen Freundschaftsschwüre sind die saudisch-amerikanischen Beziehungen also äußerst fragil. Washington ahnte die Bedrohung, und die amerikanischen Staatsbürger wurden massiv gewarnt. Am 1. Mai veröffentlichte das State Department eine Reisewarnung für Saudi-Arabien.

Zugleich wandte sich der amerikanische Botschafter in Riad an die rund 35000 US-Bürger im Land. Dass die Anschläge ausgerechnet in der gut gesicherten Hauptstadt dennoch nicht verhindert werden konnten, ist bitter für die USA. Und es ist bedrohlich für das saudische Herrscherhaus.

(sueddeutsche.de)

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