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Neue Unruhen:Gespenstische Ruhe in London - Randale in Manchester

Vierte Krawallnacht in Folge in Großbritannien: In London sichert ein massives Aufgebot von 16.000 Polizisten die Straßen, dafür erfasst die Gewalt weitere britische Städte. In Manchester kommt es zu Straßenschlachten. In Birmingham werden am Rande der Proteste drei Menschen von einem Auto überfahren - die Polizei ermittelt wegen Mordes.

Die Abschreckungsstrategie von Premierminister David Cameron ist offenbar aufgegangen - zumindest in der britischen Hauptstadt: Ein massives Polizeiaufgebot von 16.000 Beamten hat in der vierten Nacht seit Ausbruch der Unruhen in Großbritannien die Straßen gesichert, es blieb gespenstisch ruhig in der Millionenmetropole.

Ein Auto geht in Salford nahe Manchester in Flammen auf: Zentrum der Krawalle in der vierten Nacht war der Nordwesten Englands, in London blieb es verhältnismäßig ruhig.

(Foto: AP)

Zentrum der Krawalle war in dieser Nacht Manchester: Randalierer setzten ein Bekleidungsgeschäft in Brand und verwüsteten mehrere Läden. Hunderte, teils vermummte Jugendliche lieferten sich in der drittgrößten britischen Hafenstadt Straßenschlachten mit der Polizei und schleuderten Wurfgeschosse auf die Beamten.

Ein Polizeivertreter sprach von den schwersten Ausschreitungen in Manchester in den vergangenen 30 Jahren. "Das sind ganz einfach Verbrecher, die heute Nacht durchdrehen", sagte Garry Shewan, ein ranghoher Polizeioffizier. "Das ist sinnlose Gewalt und sinnlose Kriminalität in einer Größenordnung, wie ich sie nie zuvor gesehen habe."

Shewan warnte die Randalierer, es gebe zahlreiche Videoaufzeichungen von der Gewalt. "Morgen früh werden wir kommen, um Verhaftungen vorzunehmen." Im Großraum Manchester wurden bereits in der Nacht 47 Menschen festgenommen, wie die Polizei mitteilte.

In Birmingham kam es am Rande der Ausschreitungen zu einem schweren Unfall: Drei Männer wurden mit einem Auto totgefahren. Der Vorfall habe sich in der Nacht zum Mittwoch an einer Tankstelle in der Innenstadt ereignet, teilte die Polizei mit. Alle drei Männer seien noch in der Nacht im Krankenhaus an ihren schweren Verletzungen gestorben. Wenig später seien in der Nähe ein Auto sichergestellt und ein Mann festgenommen worden. Die Polizei leitete Ermittlungen wegen Mordes ein.

Bisher ist nicht klar, ob der Vorfall direkt mit den Krawallen in der Stadt zu tun hat. Die BBC berichtete unter Berufung auf Augenzeugen, die Männer hätten ihren Wohnblock vor den Randalierern schützen wollen. Sanitäter erzählten, es seien etwa 80 Personen an der Tankstelle gewesen, als sie ankamen.

Im zentralenglischen Nottingham warf eine Gruppe von 30 bis 40 Randalierern Brandbomben auf eine Polizeistation. Verletzt wurde niemand, wie die Polizei mitteilte. Das Feuer konnte später gelöscht werden, mindestens acht Menschen wurden festgenommen. Kleinere Zusammenstöße gab es erstmals in Leicester, Wolverhampton und West Bromwich.

In London hatten viele Geschäfte und Büros aus Sorge vor neuen Unruhen vorzeitig geschlossen. Auch Cafés, Restaurants und Pubs hatten sich dafür entschieden, die Nacht über zu schließen. In vielen normalerweise belebten Straßen herrschte Stille. Einige Bewohner der Hauptstadt hatten sich darauf vorbereitet, ihre Häuser und Geschäfte zu schützen. In Tottenham bekämpfte die Feuerwehr einen Großbrand im Bereich eines Recyclingzentrums und Treibstofflagers, wobei nicht klar war, ob das Feuer etwas mit den Unruhen zu tun hatte.

Britische Rechte wollen Unruhen ersticken

Der Chef der rechtsgerichteten English Defense League (EDL) kündigte an, die Gruppe wolle Mitglieder auf die Straßen schicken, um die Unruhen in mehreren britischen Städten zu ersticken. So sei geplant, dass in Luton - dem Sitz der Gruppe - aber auch in Manchester und anderen Orten bis zu 1000 Mitglieder ausrücken sollten, sagte EDL-Anführer Stephen Lennon der Nachrichtenagentur AP.

Lennon sagte, er könne nicht garantieren, dass es keine gewaltsamen Auseinandersetzungen mit randalierenden Jugendlichen geben werde. Einige Mitglieder würden bereits Patrouillen laufen, um Randalierer abzuschrecken, so Lennon. Hunderte weitere würden ihnen am Mittwoch folgen. "Wir werden die Unruhen stoppen, die Polizei ist dazu offensichtlich nicht in der Lage", sagte er.

Die English Defense League war in den vergangenen Wochen in die Schlagzeilen geraten, weil der geständige norwegische Attentäter Anders Behring Breivik sie in seinem Manifest als inspirierend beschrieben hatte. Er soll zudem über Facebook Kontakte zu der Partei gehabt haben, was die EDL allerdings bestreitet. Die EDL gilt als militant und ultrarechts.

Mehr als 700 Festnahmen in London

In London sind die Gefängnisse mittlerweile überfüllt, wurden doch allein in der Hauptstadt seit Samstag nach Angaben von Scotland Yard 768 Menschen festgenommen. Am Vortag gab es das erste Todesopfer infolge der Krawalle: Ein 26-Jähriger, auf dessen Auto im Londoner Stadtteil Croydon geschossen wurde, erlag im Krankenhaus seinen Verletzungen.

Premierminister Cameron hatte am Dienstag den Randalierern mit drakonischen Strafen gedroht. Inzwischen werde auch über den Einsatz von Wasserwerfern nachgedacht, sagte er am Mittwoch. Grundsätzlich sei die Polizei jedoch ausreichend ausgerüstet. Man wolle auch mit dem Ausbau des Gefängnissystems auf die Unruhen reagieren, sagte Cameron. In Teilen der britischen Gesellschaft herrsche vollkommene Verantwortungslosigkeit. Wenn man sehe, wie Jugendliche Geschäfte plündern und dabei lachten, sei klar, dass in der Gesellschaft etwas nicht stimme. "Das ist ein moralisches wie politisches Problem", erklärte Cameron.

Inzwischen ist gegen mehr als 100 Tatverdächtige Anklage erhoben worden. Unter den Beschuldigten ist auch ein elfjähriges Kind. Scotland Yard geht auch mit Hilfe des Internets auf die Jagd nach Verdächtigen: Die Behörde hat auf Flickr einen Stream eingerichtet, auf der sie nach und nach Fotos von Überwachungskameras veröffentlicht, die mutmaßliche Randalierer zeigen.

Außderdem gibt es neue Erkenntnisse zum Tod des 29-jährigen Mark Duggan, dessen Tod durch eine Polizeikugel am vergangenen Donnerstag die Krawalle in Tottenham ausgelöst hatte: Nach Angaben der unabhängigen Polizeiaufsichtsbehörde IPCC vom Dienstag wurden keine Beweise dafür gefunden, dass Duggan zuvor selber auf die Beamten schoss. Die Pistole, die in dem Taxi gefunden wurde, in dem Duggan erschossen wurde, sei nicht benutzt worden. Duggans Familie erklärte daraufhin, sie sei "bitter enttäuscht" über die vorläufigen Ergebnisse und verlange "Antworten" von den Behörden.