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Unbegleitete Flüchtlinge:Sonst hauen sie ab

Eine Studie zeigt: Junge Flüchtlinge müssen zu ihren Familien dürfen. Auch innerhalb Deutschlands muss die Zusammenführung verbessert werden.

Von Bernd Kastner

Etwa 55 000 jugendliche Flüchtlinge, die ohne Eltern geflohen sind, wurden Ende 2017 von deutschen Jugendämtern betreut. Das sind 10 000 weniger als noch ein Jahr zuvor. Fast die Hälfte von ihnen, 44 Prozent, ist bereits volljährig. Der "Bundesfachverband unbegleitete minderjährige Flüchtlinge" (Bumf) hat diese Zahlen ermittelt. Er appelliert an die Jugendämter, sich weiterhin um junge Erwachsene zu kümmern: Niemand dürfe am 18. Geburtstag abrupt aus dem System der Hilfen herausfallen, forderte Bumf-Referent Tobias Klaus: "Das wäre eine Katastrophe für die Perspektive der jungen Leute."

Der Bumf hat zur Situation jugendlicher, unbegleiteter Flüchtlinge bundesweit 1350 Fachkräfte befragt. Die bisher unveröffentlichte Studie, die der SZ vorliegt, ist nicht repräsentativ, liefert aber wichtige Hinweise. Mehr als die Hälfte der Experten berichtet, dass die von ihnen Betreuten häufig Gewalt erfahren hätten, im Herkunftsland oder auf der Flucht. Stark verbessert werden müsste laut Klaus die Möglichkeit, Familien wieder zusammenzuführen. Die Trennung von Eltern und Geschwistern sei für die Jugendlichen eine enorme Belastung. Nicht nur der Familiennachzug von einem Land ins andere ist oft unmöglich, auch innerhalb Deutschlands scheitere die Einheit der Familie oft: Fast jeder zweite Betreuer berichtet, dass die Zusammenführung innerhalb Deutschlands schlecht funktioniere. Die Trennung scheint der häufigste Grund zu sein, wenn junge Flüchtlinge aus ihrer Unterkunft verschwinden. Viele machten sich auf eigene Faust auf den Weg, um mit Familie, Verwandten oder Freunden zusammenzukommen. Der Bumf forderte die Politik auf, stärker auf die Einheit der Familie zu achten, auch innerhalb Deutschlands. Die derzeitige Rechtslage bereite Jugendämtern und Betroffenen "massive Probleme", sagte Klaus.

Die Experten-Befragung macht auch deutlich, wie unterschiedlich die medizinische Versorgung ist. Während diese bei physischen Erkrankungen als meist gut bewertet wird, ist es bei psychischen Krankheiten umgekehrt: Mehr als die Hälfte der Fachleute hält sie für schlecht oder sehr schlecht. Dies müsse dringend verbessert werden, forderte der Bundesfachverband.

© SZ vom 27.01.2018
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