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Umgang mit Bettlern:Ein Armutszeugnis

Während Spendensammler und Marktforscher in den Innenstädten ihr Wesen treiben dürfen, werden Bettler vermehrt vertrieben. Das sagt Schlimmes über die Gesellschaft aus.

Ja, es löst keine angenehmen Gefühle aus, wenn man angebettelt wird. Der Bettler auf Krücken oder mit verstümmelten Gliedern, die Bettlerin, die ein Kleinkind im Wickeltuch trägt, aufgehaltene Hand, Blick in die Augen, ein gemurmeltes "Bitte": Den einen berührt das peinlich, den anderen verunsichert es. Das Betteln, gegen das viele Kommunen gerade verstärkt mit Ordnungsamt und Polizei vorgehen, ist aber bei Weitem nicht das Einzige, was Städter für einen kurzen Moment aufhält, ohne ihnen zwingend Freude zu bereiten. Es ist lediglich das Einzige, was so selbstverständlich mit Repression beantwortet wird.

Eine der nervigen Erscheinungen zeitgenössischer Fußgängerzonen sind die kommerziell gedungenen Spendensammler von Amnesty International, World Vision, Save the Children oder anderen Organisationen, die typischerweise in Gruppen auftreten und an einem Abschnitt des Fußwegs eine Art Checkpoint der guten Laune errichten, an dem sie Passanten abpassen. Das sind junge Leute, die über eine Agentur wochenweise angeheuert werden, sie sind in der Regel selbst nicht Mitglied in der Organisation, für die sie Mitglieder werben (was schade ist, denn diese Organisationen leisten Wertvolles), und sie stellen sich einem oft unbeirrbar lächelnd in den Weg mit Sätzen wie "He, einmal kurz gestoppt".

Oder die Marktforscher. In manchen Fußgängerzonen wird man öfter von ihnen angesprochen, Klemmbrett in der Hand. Zum Beispiel in Nürnberg, das ist die Heimat der Gesellschaft für Konsumforschung und anderer Umfrageinstitute. Nürnberg, das ist auch die Stadt, die momentan besonders scharf dagegen vorgeht, dass Bettler sich erlauben, in denselben Fußgängerzonen die Leute anzusprechen, auch wenn die Bettler dies ganz demütig tun. Hundert Mal im Monat gibt es derzeit Polizeieinsätze deswegen. Einsätze gegen Marktforscher: null.

Kurz gesagt, das Leben in Gesellschaft ist voller kleiner Zumutungen, Gott sei's geklagt, nicht einmal einkaufen kann man in einer Großstadt, ohne dass andere Menschen einem dabei zusehen und teils auch etwas sagen. Aber das eine wird von der Gesellschaft toleriert. Es wird sogar von einigen Städten daran verdient. Das andere wird zur Störung erklärt. Warum? Weil extreme Armut hässlich ist, weil sie Wohlhabendere - ob zu Recht oder zu Unrecht - instinktiv beschämt. Weggucken und Vertreiben ist die Reaktion.

Als sich Kaufleute an der vornehmen Mönckebergstraße in Hamburg zu Beginn der 2000er-Jahre über bettelnde Menschen mit Behinderung beschwerten, schrieb das Nachrichtenmagazin Der Spiegel: "Der Konflikt wirft die Frage auf, ob eine vergleichsweise reiche Gesellschaft wie die westdeutsche derart offen demonstriertes Elend aushalten kann." Ja, können Reiche so etwas aushalten? Oder ist das für sie zu schwierig?

Man muss Bettlern nichts geben. Man kann Nein sagen. Man kann einfach vorbeigehen, so wie man auch die jungdynamischen Spendensammler von World Vision ignorieren kann (Spenden sammeln - das ist übrigens exakt die Definition von Betteln). Aber die einen zu akzeptieren und den anderen das Ordnungsamt auf den Hals zu wünschen oder gar die Polizei, die sich eigentlich um Kriminelle kümmern soll - was sagt das aus über eine Stadtgesellschaft? Schlimmes.