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Türkei:Miserable Ausgangslage

Die Polarisierung der Politik ist derzeit kaum zu überwinden.

In der Schockstarre befindet sich die Türkei wegen des Coronavirus, da unterscheidet sie sich nicht von Deutschland. Aber jenseits von Ausgangssperren, geschlossenen Geschäften und Kabinettstreffen im Video-Format geht in Ankara und Istanbul die Politik weiter. Und das in einer Art, die weit derber ist als im alltägliche Berliner Sprechblasenzirkus oder bei den inszenierten Talkshow-Scharmützeln zwischen Vertretern von Regierung und Opposition.

In der Türkei sprechen die Regierungsgegner derzeit schon - auf gewollt oder ungewollt zweideutige Weise - vom absehbaren Ende der Herrschaft Präsident Erdoğans. Die Anhänger des Präsidenten wiederum erheben unbelegte Putschvorwürfe gegen die Opposition, ein paar ganz Unverfrorene scheuen noch nicht einmal vor Todesdrohungen zurück.

Das ist eine miserable Ausgangslage für die Zeit nach Corona. Die Polarisierung macht die Rückkehr zur Normalität unwahrscheinlich - obwohl die sich abzeichnende Wirtschaftsmisere eine zumindest minimale Zusammenarbeit zwischen Regierung und Opposition erfordern würde. Aber das haben weder die einen noch die anderen in den kommenden Wochen und Monaten vor. Im Gegenteil: Wenn Corona erst einmal Vergangenheit ist, droht der Türkei erst richtig die volle Konfrontation.

© SZ vom 11.05.2020

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