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Türkei:Insel mit Trauma

Inauguration ceremony of Democracy and Freedom Island in Istanbul

Präsident Recep Tayyip Erdoğan (r.) und der Rechts-Nationalist Devlet Bahçeli bei der Eröffnung der Gedenkstätte auf Yassiada.

(Foto: Mustafa Kamaci/picture alliance/AA)

Auf Yassiada, wo das Militär einst politische Prozesse abhielt, entsteht nun ein Themenpark.

Es ist mehr als ein Jahrestag, mehr als ein ungewöhnlicher Name. Dass der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan am 60. Jahrestag des Militärputsches von 1960 eine "Insel der Demokratie und Freiheit" auf der ehemaligen Gefängnisinsel Yassiada persönlich ausruft, ist eine Warnung an die Armee. Schon 2019, bei einer ersten Begehung des zum Freilichtmuseum umgebauten Eilands im Marmarameer, hatte er dort gesagt: "In diesem Land kann keiner mehr putschen."

Der Satz hat Gewicht, weil die winzige Insel ihre Geschichte hat. Nach dem Militärputsch von 1960 hatten die Generäle dem gestürzten Premier Adnan Menderes dort einen demütigenden Schauprozess wegen "Hochverrats" machen lassen. SZ-Reporter Hans-Jürgen Kempski schrieb am 16. Oktober 1960: "Selbst persönliche Feinde des ehemaligen türkischen Ministerpräsidenten wird der Anblick dieses Mannes nicht unberührt lassen können. Die ganze feiste Rundlichkeit von einst ist weg, auch das stereotype und stets eine Spur zu flotte Lachen. Stattdessen ist da nur noch ein ausgemergeltes und fahles, fast leblos wirkendes Gesicht, dessen tiefeingegrabene Linien sich fortsetzen bis zum schlaff und dürr gewordenen Hals." Das Schicksal von Menderes war vorgezeichnet: "Wenn das Revolutionstribunal nicht Milde walten lässt", schrieb der SZ-Reporter, "wird er am Galgen enden".

Menderes Exekution am 21. September 1961 ist das Trauma türkischer Spitzenpolitiker. Auch Erdoğan selbst war schon Ziel eines Putsches, im Juni 2016 rasselten die Panzerketten. Doch der Coup scheiterte. Das Volk ging auf die Straße, Teile der Armee wandten sich gegen die Putschisten, Erdoğan ließ Abertausende Offiziere - und zivile Oppositionelle - verhaften. Dem Militär traut der Präsident bis heute nicht, immer wieder gibt es Gerüchte über Coup-Pläne. Mit Menderes verbindet Erdoğan aber mehr als die Putsch-Erfahrung. Auch die Karrieren der Politiker ähneln sich. Obwohl der außereheliche Verhältnisse pflegende, Alkohol trinkende und Sportwagen fahrende Menderes im Gegensatz zum heutigen Präsidenten kein Vorbild-Muslim sein wollte, erschien er - wie Erdoğan - eine Weile als Hoffnungsträger der kleinen Leute, der Handwerker und Dörfler. Menderes, als Chef der Demokratischen Partei Führer der ersten echten Oppositionspartei und erster frei gewählter Premier, war Sachwalter der "schwarzen Türken". Die hatten im Gegensatz zu den verwestlichten "weißen Türken" nicht von der Atatürk-Moderne profitiert und hingen nicht dem Laizismus an, sondern blieben lieber bei Islam und Tradition. Also bei all dem, was Staatsgründer Kemal Atatürk auf den Müllhaufen der Geschichte schaffen wollte.

Die inzwischen gut zwei Jahrzehnte lange Regierungszeit des zumindest in Teilen islamistischen Erdoğan ist Beleg dafür, dass Atatürks Zwangssäkularisierung einer mehrheitlich muslimischen Gesellschaft nur teilweise gelang. Dass auch der westlich orientierte Menderes - er führte die Türkei 1952 in die Nato - an Atatürks Rosskur zweifelte, zeigt sich daran, dass er den Gebetsruf auf Arabisch zuließ: Atatürk hatte den Ezan in der Sprache des Propheten verboten, der Muezzin sollte auf Türkisch rufen. Aus Kalkül unterstütze Menderes islamische Strömungen, förderte Personen wie den Publizisten und Erzislamisten Necip Fazıl Kısakürek, der heute noch von Erdoğans Anhängern geschätzt wird. Als Menderes dann zunehmend selbstherrlich regierte, putsche das Militär.

Die Umwandlung der Gefängnisinsel Yassiada in eine Gedenkstätte mit Ausstellungs- und Tagungsräumen dürfte für Erdoğan persönliches Anliegen gewesen sein. Zur Zeremonie erschien er mit seinem MHP-Koalitionspartner, dem Rechts-Nationalisten Devlet Bahçeli. Das zeigt, wie Erdoğan geschickt den Islam und den türkischen Nationalismus politisch unter einen Hut bringt. Die Insel wurde von ihm übrigens mit einem Wortspiel umbenannt: Yassiada, also "flache Insel", wolle er nicht sagen. Für ihn sei sie Yasliada: "Die Insel der Trauer".

© SZ vom 28.05.2020

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