Türkei:Attentäter hatten HDP im Visier

Dem IS nahestehende Islamisten wollten offenbar ursprünglich die Zentrale der Kurdenpartei in Ankara treffen.

Von Mike Szymanski, Istanbul

Der Anschlag von Ankara, bei dem mehr als 100 Menschen starben und 500 verletzt wurden, sollte nach Informationen türkischer Medien ursprünglich das Hauptquartier der oppositionellen pro-kurdischen Partei HDP treffen. Die Attentäter, mutmaßlich Anhänger der Terrormiliz des Islamischen Staates, hätten dann allerdings von dem für den 10. Oktober geplanten Friedensmarsch im Stadtzentrum erfahren und ihre Pläne geändert. An der Demo wirkten viele HDP-Funktionäre und Anhänger mit. Dies berichtete die der Regierung nahestehende türkische Nachrichtenagentur Anadolu unter Berufung auf anonyme Quellen. Am 10. Oktober hatten sich vor dem Hauptbahnhof der Stadt zwei Selbstmordattentäter inmitten von Teilnehmern des Friedensmarsches in die Luft gesprengt und ein Blutbad angerichtet.

HDP-Chef Selahattin Demirtaş hatte kurz nach dem Anschlag gesagt, das Attentat gelte seiner Partei. Er persönlich sieht sich bedroht. Demirtaş war für seine Äußerungen von der Regierung kritisiert worden. Das Ziel der Terroristen sei nicht eine Partei gewesen, sondern die Nation, versicherte Premier Ahmed Davutoğlu.

Die Spuren des Anschlags führen in eine Stadt in Südost-Anatolien

Nun gibt es Hinweise darauf, dass doch die Kurden-Partei gezielt attackiert werden sollte und wohl noch immer im Visier der Terroristen ist. Die Spuren des Anschlags von Ankara führen unter anderem in die südostanatolische Stadt Gaziantep. Dort hat die Polizei in fünf Depots Waffen, Munition und Material für den Bau von Bomben gefunden. Darunter Chemikalien in solcher Menge, dass sie auf einen großen Sprengsatz hindeuteten. Die Bombe sollte angeblich in einem Lastwagen deponiert werden, der in der Nähe der Parteizentrale hätte abgestellt werden sollen.

Nach Informationen der linksliberalen Zeitung Cumhuriyet hatten Selbstmordattentäter noch ein weiteres Anschlagsziel. Es habe Pläne gegeben, ein Attentat auf die Co-Vorsitzende der HDP, Figen Yüksekdağ, zu verüben. Am 18. Oktober sollte es in Gaziantep einen Wahlkampfauftritt geben. Die HDP sagte aber nach dem Attentat in Ankara alle Großkundgebungen ab. Das Innenministerium wies alle Provinz-Gouverneure an, vor der Parlamentswahl am übernächsten Sonntag die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen.

Die Regierung steht wegen möglicher Sicherheitspannen enorm unter Druck. Wie die Staatsanwaltschaft in Ankara nun offiziell mitteilte, handelt es sich bei einem der Selbstmordattentäter um Yunus Emre Alagöz. Er gehörte einer den Behörden gut bekannten IS-Zelle in der Türkei an. Sein Bruder soll im Juli beim Anschlag in Suruç mehr als 30 Menschen mit in den Tod gerissen haben.

Täglich werden in den türkischen Medien neue Erkenntnisse publik, wie ungehindert sich mutmaßliche Selbstmordattentäter in dem Land bewegen konnten. Von 20 Verdächtigen, die die Behörden im Zusammenhang mit dem Ankara-Anschlag auf der Liste haben, sind neun derzeit auf der Flucht. In Umfragen glaubt mittlerweile eine Mehrheit der Türken, dass die Regierung versagt habe, den Friedensmarsch zu schützen.

© SZ vom 23.10.2015
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