Türkei Armenier-Aufführung abgesagt

Die Dresdner Sinfonikerspielen für "Aghet" mit türkischen und armenischen Musikern zusammen.

(Foto: oh)

"Ein versöhnlicher Abend": Die Dresdner Philharmoniker dürfen ihr Konzertprojekt nicht in Istanbul aufführen.

Von Mike Szymanski, Istanbul

Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan wäre den Dresdner Sinfonikern als Gast herzlich willkommen gewesen. Intendant Markus Rindt hat einfach mal eine Einladung an den Präsidentenpalast in Ankara verschickt, in "ausgesprochen höflicher Form", wie er erzählt. Am 13. November wollten sie abends im Kaisersaal des deutschen Generalkonsulates in Istanbul ihr Musikprojekt "Aghet" aufführen, übersetzt heißt das Klagelied. Ein aufwühlendes Werk zu den Verbrechen an den Armeniern in den Jahren 1915 und 1916, die der Bundestag jetzt Völkermord nennt.

Aber Erdoğan wird nicht kommen. Und: Auch das Konzert wird es nicht geben. "Wir wollten einen versöhnlichen Abend", sagt der Intendant. Aber das Auswärtige Amt fürchtet offenbar, dass es doch nur wieder Streit geben würde. Ein Diplomat formuliert es so: "Faule Eier an der Fassade wären unser geringstes Problem gewesen."

Im deutsch-türkischen Verhältnis standen mal wieder alle Signal auf Sturm. Für Rindt und seine Künstler sollte es um "die Aufarbeitung der schmerzvollen armenisch-türkischen Geschichte" gehen, so heißt das ganz freundlich im Einladungsschrieben an den Präsidenten, das offenbar ohne Kenntnis des Auswärtigen Amtes verschickt worden war. Das Wort "Völkermord" verwendet Rindt nicht. Trotzdem weiß bei "Aghet" jeder in der Türkei, worum es geht. Im deutsch-türkischen Verhältnis kommt es mittlerweile auf jedes Wort an, es muss gar nicht so groß ausfallen wie dieser Begriff. Es wurde in diesem Jahr schon einige Male auf die Probe gestellt: Böhmermanns Schmähgedicht, Streit in der Flüchtlingskrise, Umgang mit dem Putschversuch in der Türkei, Lage der Menschenrechte. Mit am heftigsten hat viele Türken verärgert, dass der Bundestag in der sogenannten Armenien-Resolution von Völkermord spricht, was den Aussöhnungsprozess zwischen Türken und Armeniern in der Türkei keinen Schritt vorangebracht hat. Die Wut saß so tief, dass Ankara hinterher deutschen Parlamentariern verweigert hatte, Soldaten der Bundeswehr auf dem türkischen Luftwaffenstützpunkt Incirlik zu besuchen. Der Streit wurde erst beigelegt, nachdem die Regierung noch einmal klar gemacht hatte, dass die Resolution rechtlich nicht bindend sei. Im Auswärtigen Amt war man jedenfalls froh, als Abgeordnete kürzlich den Stützpunkt wieder besuchen durften. Ein Stück weit Normalität schien eingekehrt. Schon sahen erste türkische Zeitungen wie die konservativ-liberale Zeitung Habertürk eine neue Krise aufziehen - wegen des "Aghet"-Projekts.

Es ist nicht ohne Brisanz, dass ausgerechnet das Generalkonsulat seine Räume für ein Projekt zur Verfügung gestellt hätte, das man auf türkischer Seite als pure Provokation auffasst. Rindt selbst hält Programmteile wie das Orchesterwerk "Massaker, hört ihr Massaker" für "unter den jetzigen Bedingungen in der Türkei für unmöglich zu spielen". Darin wird Erdoğan für seinen Umgang mit der Armenier-Frage aber auch mit der Meinungsfreiheit im Land kritisiert und hätte sich von der Bühne Rücktrittsforderungen anhören müssen. Für den Abend im Generalkonsulat hatte Rindt, wie er sagt, ein "entschärftes kammermusikalisches Programm" entworfen. Außerdem habe er an dem Abend eine Freundschaftsgesellschaft gründen wollen. Er findet an dem Programm nichts auszusetzen. "Es musizieren die Dresdner Sinfoniker gemeinsam mit türkischen und armenischen Künstlern."

In Kreisen des Auswärtigen Amt sieht man das anders. Als Rindt lange vor der Armenien-Resolution im Generalkonsulat anfragte, weil er einen Konzertraum suchte, habe man ihm signalisiert: ja, wenn die Sicherheitslage und die politischen Umstände dies zuließen. Die Absage trägt nach SZ-Informationen den Tenor: Falsche Zeit, falscher Ort. Hat das Auswärtige Amt womöglich nur der Mut verlassen? Marc Sinan, Sohn einer türkisch-armenischen Mutter und eines deutschen Vater, der in das Stück seine Familiengeschichte einbrachte, war 2012 noch Stipendiat des Auswärtigen Amtes in der Kulturakademie in Tarabya in Istanbul - und seine künstlerische Arbeit willkommen. Im "Aghet"-Programmheft äußert sich ein prominenter Unterstützer. Außenminister Frank-Walter Steinmeier nennt das Projekt einen "Leuchtturm". Nur im Generalkonsulat soll er nicht leuchten.