Trendforschung Der Hipster-Effekt

Wieso sehen ausgerechnet trendbewusste Individualisten alle gleich aus? Die Antwort liefert die Mathematik.

Von Patrick Illinger

Aussehen wie alle anderen? Auf gar keinen Fall. So einzigartig wie die eigene Persönlichkeit soll auch das Äußere sein: einfach hip. Also Glatze scheren, Vollbart zulegen und fette Hornbrille auf die Nase. Oder im Hochsommer eine dicke Wollmütze zum T-Shirt. Wahlweise auch Hosenträger und Fliege. Im Herbst kommt ein Strohhut auf den Sidecut. So bin eben nur ich. Nicht wie alle. Und dann passiert das Entsetzliche: Morgens auf dem E-Roller und abends in der Bar trifft man andere, viele andere, die nicht nur die gleiche Mate-Limo trinken, sondern auch die gleiche Mütze aufhaben. Den gleichen Haarschnitt. Das gleiche Piercing. Geht denn jetzt schon jeder Horst in den coolen Kleiderladen im Szeneviertel? Ja, sagt nun: ausgerechnet ein Mathematiker.

Mit seitenlangen Formeln und aufwendigen Computersimulationen hat Jonathan Touboul von der amerikanischen Brandeis-Universität errechnet, dass für Hipster das Gleiche gilt wie für andere Vielteilchensysteme oder für Kapitalanleger, Menschen im Stau, Atome in einem magnetischen Metall: Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich alle in die gleiche Richtung orientieren, dem gleichen Trend nachrennen. Im Fall der Hipster geht das schneller, als den Beteiligten lieb ist.

Touboul erforscht, wie sich Information in einer Gesellschaft verbreitet und das Handeln der Akteure beeinflusst. Mathematisch ist das ein vernetztes System, in dem das Handeln Einzelner die Dynamik des Gesamtsystems bestimmt, wie in einem Vogelschwarm oder beim Börsenkrach. Im Fall von Modetrends geht Touboul von der plausiblen Annahme aus, dass die Bevölkerung zum großen Teil aus Konformisten besteht - und jenen, die anders sein wollen. Fügt man dann die ebenso realistische Annahme hinzu, dass sich Information und Neuigkeiten unterschiedlich schnell verbreiten, zeigen sich in Computermodellen interessante, wellenartige Trendwandel. Die Nonkonformität der Hipster-Fraktion bringt zwar immer wieder neue Ideen hervor, mathematisch Phasenübergänge genannt, doch dann synchronisieren sich die Akteure. Der neue Look wird Mainstream.

Mathematisch entsteht dieser Effekt, weil erstens das Anderssein auch ein kollektives Streben ist und zweitens Information unterschiedlich schnell durchsickert. Manche Hipster halten für neu, was andere schon seit einer Weile tragen. Es dauert, bis der neue Mainstream als Mainstream wahrgenommen wird. Diesen Effekt gibt es nicht nur in der Mode. Spekulanten unterliegen einer ganz ähnlichen Dynamik.

Die Erkenntnisse über die Angepasstheit der Unangepassten kratzen natürlich am Selbstverständnis des Hipsters. Von besonderer Komik war dabei die erboste Beschwerde eines Mannes, der die Zeitschrift Technology Review vor wenigen Tagen bezichtigte, ihren Bericht über Jonathan Toubouls Forschung ungefragt mit einem Foto von ihm geschmückt zu haben. Zu sehen war ein Vollbartträger mit Flanellhemd und Wollmütze. Nachforschungen bei der Fotoagentur ergaben jedoch: Das Foto zeigte einen anderen Mann. Der eine Hipster hielt sich für den anderen Hipster. Quod erat demonstrandum.