Tel Aviv unter Beschuss – Tel Aviv unter Beschuss

Sarah Stricker, 32, Journalistin und Autorin aus Deutschland

Als der Bombenalarm losging, war ich gerade bei einem meiner israelischen Freunde. Wie alle in unserem Alter hier kann er sich noch gut an den Golfkrieg erinnern. Wir sind ins Treppenhaus gegangen, haben die Fenster aufgemacht, damit kein Glas splittert. Zwischen Alarm und Einschlag lagen höchstens zwei Minuten. Den Knall selbst habe ich nicht mitbekommen, obwohl er ziemlich laut war, wie mir meine Freunde gesagt haben. Zu dem Zeitpunkt wurde ich ständig von Bekannten angerufen, die sicher gehen wollten, dass ich Bescheid weiß. Als Ausländerin bekomme ich ja zum Beispiel nicht die Warn-SMS der Regierung.

Auch meine Freunde aus Deutschland rufen mich jetzt pausenlos an, machen sich Sorgen. Meine Mutter möchte, dass ich sofort nach Deutschland fliege. Aber nach drei Jahren in Tel Aviv ist das mein Zuhause - da gehe ich nicht wegen ein oder zwei Raketen weg. Meine israelischen Freunde sind ziemlich gelassen bis zynisch. Eine Freundin hat ihr Auto während des Alarms verlassen und in einem Geschäft Unterschlupf gesucht. Als sie wiederkam, klebte ein Strafzettel an der Scheibe, "business as usual" eben.

Viele Israelis freuen sich auch, wenn die Welt davon Notiz nimmt, dass sie bombardiert werden, dass es auch hier tote Babys gibt, nicht nur in Gaza. Über die Raketeneinschläge im Süden Israels wird kaum berichtet. Über Tel Aviv schon, schließlich sind hier viele ausländischen Journalisten stationiert. Was die Menschen immer irritiert, ist, wenn die Westler fragen, wann endlich Frieden ist. Niemand hier hat wirklich Hoffnung, das noch mitzuerleben. Man glaubt einfach, dass die Hamas nicht aufgeben wird, bevor sie die Zerstörung des Judenstaats erreicht hat. Obwohl die Stimmung in Tel Aviv eher links ist, und es auch Proteste gegen die Regierung gibt, sind die meisten daher doch der Meinung, dass man hart zuschlagen muss, um die Hamas so zu schwächen. Damit der pausenlose Beschuss wenigstens ein paar Jahre gestoppt wird.

Bild: Privat 19. November 2012, 14:282012-11-19 14:28:05 © Süddeutsche.de