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Technikskepsis:Teufelszeug!

Forscher schätzen den Einfluss neuer Medien chronisch falsch ein.

Von Sebastian Herrmann

Manchmal weicht das Gezappel absoluter Starre. Die Kinder verharren dann wie hypnotisiert auf einem Fleck und konsumieren Unterhaltung. Verstörend! Das Verhalten der von ihr untersuchten Kinder gleiche dem "chronischer Alkoholiker", schreibt die Kinderärztin Mary Preston in einer Studie. Seit die neue Technik in das Familienleben eingedrungen sei, habe etwa die Hälfte der Kinder eine Abhängigkeit entwickelt. Besonders harte Konsumenten zeigten Ängste, sie litten unter Schlaf- und Essstörungen und allgemein getrübter Gesundheit.

Es klingt, als handele es sich um eine aktuelle Studie zu Social Media, Smartphones, Ballerspielen oder anderen Medien, deren Einfluss auf Kinder viele fürchten. Doch die Arbeit wurde 1941 publiziert. Die Technik, vor der Preston warnte, war das Radio. Heute klingt das bizarr: Wir verlieren die Jugend an das Radio? Sehr lustig.

Doch handelt es sich um mehr als eine spaßige Anekdote: Amy Orben von der Universität Cambridge eröffnet damit eine Übersichtsarbeit in Perspectives on Psychological Science. Sie argumentiert, dass die Forschung seit Jahrzehnten mit den immer gleichen Reflexen auf neue Medien und damit verknüpfte Ängste reagiere: Egal ob Radio, Comics, Fernsehen, Computerspiele oder Smartphones - in großer Eile produzierten Forscher Studien, die nichts zur Klärung beitrügen. Immer wieder, so Orben, beginnen Psychologen bei null und stellen die immer gleichen Fragen an neue Technologien: Schaden sie? Verlieren wir unsere Kinder? Wie Sisyphos in der griechischen Mythologie rollen die Forscher sinnbildlich den Stein auf den Berg, nur um bald festzustellen, dass sich niemand mehr für ihre Arbeit interessiert, weil sich die akuten Ängste längst an neuen Technologien entzünden. Statt Ballerspielen geraten nun Smartphones ins Visier der Besorgten, der Stein der Forscher rollt zurück ins Tal, der Kreislauf aus Erregung und Forschung nach Gefühl beginnt von vorne, so Orben.

"Die handwerklichen Fehler vererben sich durch die Generationen weiter", sagt auch der Medienpsychologe Malte Elson von der Uni Bochum. Die Methodik der Studien bleibt die gleiche, die Ergebnisse ähneln sich vermutlich auch, nur Epoche und untersuchtes Medium sind anders. In den 1950er-Jahren ergaben solche Studien, dass der Konsum von Comics Kinder aggressiv mache. Heute zeigen sie mit den gleichen Mitteln, dass Facebook Jugendlichen schade. Die Wirkungsforschung zu Medien versäume es dabei, ein Theoriegebäude aus Grundprinzipien der Medienwirkung aufzubauen, klagt Orben. Fragen ergeben sich stattdessen aus dem Bauchgefühl. Aus jahrzehntelanger Forschung zur Wirkung von Fernsehkonsum sei so gut wie nichts in die Forschung zu neueren Medien eingeflossen, sagt Elson, "das ist wirklich erstaunlich".

Neue Ängste beerben alte Ängste, die Zyklen der Erregung werden einander weiter ablösen. Schon die Griechen der Antike warnten vor schlimmen Auswirkungen des Lesens - und damals wie heute gilt: Die Jugend ist stets verderbt, und der Untergangsprophet erhält besondere Aufmerksamkeit. Wie Medien aber wirklich auf Kinder und Jugendliche wirken, das lässt sich nicht nach so simplem Schema klären.

© SZ vom 06.07.2020
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