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SZ-Serie zu Bundestagskandidaten:Auf dem Weg nach Berlin oder weiter daheim

Ein Jahr lang hat die SZ sieben Politiker im Wahlkampf begleitet. Nun ist klar: Vier von ihnen schaffen es in den Bundestag, drei nicht. Wie die Kandidaten die Wahl erlebten und wie es nun für sie weitergeht.

Petra Zais, Grüne - nicht im Bundestag

Die ersten Gratulationen erreichten Petra Zais am Sonntag um 18.15 Uhr per SMS, selbst am nächsten Morgen versuchte es noch ein Anrufer: Herzlichen Glückwunsch, liebe Petra! Zais musste erwidern: "Lieber Arnd, es hat leider nicht gereicht."

Die Gratulanten hatten nur ihre Erwartungshaltung hochgerechnet, nicht aber die wirklich abgegebenen Stimmen. Petra Zais, 56, hingegen war schon am Sonntag Schlag 18 Uhr klar geworden, dass ihr dritter Platz auf der Landesliste der Grünen in Sachsen nicht genügen würde. "Das war schon bitter, als die Balken kamen. Als ich die Acht vor dem Komma gesehen habe, ist mir das Gesicht eingeschlafen", sagt sie.

Vor vier Jahren hatte Zais das erste Mal für den Bundestag kandidiert. Dieses Mal schmerzt die Niederlage mehr, weil es lange Zeit doch so gut ausgesehen hatte für die Grünen - und damit auch für sie. Bei der Wahlparty in einem Chemnitzer Restaurant ging Zais dann kein einziges Mal ans Buffet, statt dessen aß sie zu Hause eine halbe Packung Nugat-Pralinen, "davon war mir am Montagmorgen noch schlecht".

Aber es gehe ihr schon wieder besser, sagt Zais, in jeglicher Hinsicht: "Mein Leben ist jetzt nicht weniger wert, nur weil ich nicht nach Berlin gehe. Ich bekomme von meiner Familie und in der Kommunalpolitik Anerkennung und die verliere ich deswegen nicht." Als erste erkannte das am Sonntag Merle, 5, die Enkelin. Sie meinte: "Oma, ich weiß, dass ich das jetzt nicht sagen darf, aber so bleibst du wenigstens hier." (Autor: Cornelius Pollmer)

Judith Skudelny, FDP - nicht im Bundestag

Es ist noch früh am Wahlabend, als Judith Skudelny ihren Mann und ihre beiden Kinder nach Hause schickt. Sie sagt: "Die sollen nicht mit mir trauern müssen. Die freuen sich ja sogar, dass die Mama wieder öfter daheim ist."

Die Stuttgarter FDP trifft sich in einer Weinstube, bei den ersten Prognosen hält sich die Abgeordnete an einem Holzbalken fest. Skudelny, 37, hatte das, was man einen sicheren Listenplatz nennt, erobert auf dem Parteitag, der ganz große Preis. Jetzt ist der ganz große Preis nichts mehr wert, rein gar nichts.

Skudelny besitzt eine ziemlich direkte Art, die passt nicht schlecht: Das FDP-Ergebnis? "Scheiße." Sie selbst holt im Wahlkreis Stuttgart I 2,6 Prozent, das schmerzt weniger, sie hatte eh Stefan Kaufmann von der CDU empfohlen. Im Rathaussaal nimmt der Sieger Kaufmann dann die Verliererin Skudelny in den Arm, eine Minute lang, im Blitzlichtgewitter eine Ewigkeit.

Vier Jahre Bundestag - vorbei. 2009 hatte Skudelny ihre damals vier Monate alte Tochter mit zur Sitzung gebracht, das erste Baby im Plenum. Erinnerungen. Und nun? "Ich bin sehr gerne Anwältin", sagt Skudelny, "um mich muss sich niemand Sorgen machen."

Man nimmt ihr das ab, sie kann mit ganz erstaunlicher Begeisterung über Insolvenzrecht referieren. Und die FDP? "Die braucht mich mehr denn je." Skudelny sitzt daheim im Gemeinderat in Leinfelden-Echterdingen - und wenn es nach ihrem überaus unverwüstlichen liberalen Kreischef geht, 2017 eh wieder im Bundestag. (Autor: Roman Deininger)

Alexander Radwan, CSU - im Bundestag

An diesem Dienstag fliegt Alexander Radwan, 49, nach Berlin - zur konstituierenden Sitzung der CSU-Landesgruppe. Das Flugticket hätten seine Mitarbeiter vorher so gebucht, dass es jederzeit stornierbar sei, haha!, ruft der Politiker vom Tegernsee fröhlich.

Das ist echt ein Witz, denn die Gefahr, nicht das Direktmandat zu erringen, bestand wirklich nie. Der Wahlkreis Starnberg ist für einen CSU-Bewerber unverlierbar. Aber: 54,1 Prozent der Erststimmen hat der Bundestagsneuling Radwan bekommen, mehr als seine Partei (51,5). In Rottach-Egern, dort, wo Radwan wohnt, stimmten sogar 71,8 Prozent der Wähler für ihn.

Er sagt, dass er jetzt nicht 'pausenlos Purzelbäume' schlage. Er gibt sich ähnlich staatstragend wie sein Vorsitzender Seehofer, der in diesen Tagen das allzu laute Jubeln offenbar untersagt hat. Radwan spricht lieber davon, dass der Wähler ihnen allen "eine harte Nuss zu knacken gegeben" habe.

Den Wahlabend hat er im Landratsamt Starnberg verbracht und Apfelschorle getrunken. "Gesungen habe ich aus Rücksicht auf Umstehende auch nicht." Radwan, der neun Jahre im Europarlament und fünf Jahre im Landtag war, bereitet sich auf Herausforderungen in Berlin vor.

So will er der AfD mit ihrer "unrealistischen, träumerischen Politik" das Wasser abgraben. Mit seinen Schwerpunkten Kapitalmarkt, Finanzen und Euro fühlt sich Radwan da besonders in der Pflicht. Und so läuft es vielleicht auf den Finanzausschuss hinaus für ihn, im Idealfall sozusagen. (Autorin: Ulrike Heidenreich)

Sabine Poschmann, SPD - im Bundestag

Bis 1.30 Uhr hat Sabine Poschmann gefeiert und sich gefreut, obwohl es ja wirklich klar war, dass man als SPD-Kandidatin diesen Dortmunder Wahlkreis gewinnt. Aber so souverän muss man ihn halt auch erst mal gewinnen. 46,7 Prozent hat Poschmann bekommen, fünf Punkte mehr als ihre Vorgängerin.

Wenn man in so einem sozialdemokratischen Erbhof kandidiert, dann besteht die Gefahr träge und überheblich zu werden. Bei Poschmann, 44, ist das Gegenteil eingetreten. Sie hat sich die Finger wund geklingelt. "Die Rennerei hat sich bezahlt gemacht", sagt sie. Dortmund, erzählt sie, sei zwar eine große Stadt, aber irgendwie seien die Kommunikationskanäle halt doch sehr klassisch. "Da gibt es viele Netzwerke, da fragt einer den anderen: Ist diese Poschmann o.k.?"

Den Wahlkampf hat sie in den Siedlungen gewonnen, nicht auf Facebook. Jetzt geht es nach Berlin. Sie hätte sich natürlich schon längst eine Wohnung suchen können, weil Dortmund halt noch so eine stabile Hochburg ist für die SPD, aber das hätte sie respektlos gefunden gegenüber dem Wähler, der sie ja erst einmal wählen musste.

Jetzt geht es erst einmal um Organisatorisches: Die Mitarbeiter ihrer Vorgängerin wird sie übernehmen, weil die sehr gut sind, und weil man das halt so macht, weil Solidarität in Dortmund immer noch Alltag ist. Die nächsten Tage, wird sich Poschmann noch angucken können, ob sie als Teil einer Regierungsfraktion nach Berlin geht, oder als Oppositionspolitikerin. Letzteres sei ihr lieber. (Autor: Bernd Dörries)

Stefan Liebich, Die Linke - im Bundestag

So ein Sieg hat seinen Preis. Die Saalrunde habe er gerne bezahlt, sagt Stefan Liebich, 40, am nächsten Morgen. Nach der Wahlparty in Berlin-Prenzlauer Berg sind sie ein paar Meter weitergezogen ins Krüger, wo geraucht werden darf.

Bis tief in die Nacht haben sie ihn gefeiert, gar Siegesgesänge angestimmt, die Freunde aus dem Reformerlager der Linken. Vize-Fraktionschef Dietmar Bartsch war da und auch der Innenpolitiker Jan Korte, der in der neuen Fraktion ebenfalls wieder dabei sein wird.

Mit 28,3 Prozent ist Liebich in Berlin-Pankow wieder direkt zum Wahlkreisabgeordneten gewählt worden. Auf den zweiten Platz kam überraschend weder der Kandidat der SPD noch der Kandidat der Grünen, sondern mit 23,9 Prozent Lars Zimmermann von der CDU. "Verdient", wie Liebich findet, weil "der einen ganz erstaunlichen Wahlkampf gemacht" und auf eine "liberale Großstadtpartei" gesetzt habe.

Mit dem Mythos, Pankow sei ein rot-grüner Bezirk, sei es nun vorbei, sagt der Linke. In Berlin konnten sich die Linken mit insgesamt 18,5 Prozent behaupten, weshalb Liebich auch sein vierter Listenplatz zurück in den Bundestag gebracht hätte.

Bisher hatte die Linke 16 Direktmandate, jetzt sind es nur noch vier, und Liebich hat eines davon - nun sieht er sich politisch und moralisch in der Fraktion gestärkt. Schließlich habe er hinzugewonnen, obwohl die Partei verloren habe. "Ich komme nicht umhin festzustellen", sagt Liebich, "dass das auch mit mir zu tun hat." (Autor: Daniel Brössler)

Bruno Kramm, Piraten - nicht im Bundestag

Es ist dann doch noch eine längere Feier geworden. Es sei "schon wieder hell geworden", als er aus dem Club "Urban Spree" in Berlin-Friedrichshain kam, so kann sich Bruno Kramm, 45, an den Abend der Wahl erinnern. Dabei hatte es für seine Piraten eigentlich wenig zu feiern gegeben.

Auf gerade mal 2,2Prozent sind sie gekommen, niemand von ihnen ist somit in den Bundestag eingezogen, auch ihr bayerischer Spitzenkandidat Kramm nicht. Damit hatte er zwar gerechnet, aber darüber, dass er und seine Leute über die Piraten-Stammklientel hinaus gar so wenige Wähler ansprechen konnten, ist er "schon enttäuscht".

Aber es gibt ja noch andere Parteien wie die FDP und die AfD, deren Scheitern an der Fünf-Prozent-Hürde nun etwas 'Genugtuung' verschafft: "Ich bin so froh, dass die nicht reingekommen sind." Auch wenn der Rockmusiker aus Oberfranken in seinen Liedern gerne düster-gotische Töne anschlägt - er ist keiner, der allzu lange dunklen Gedanken nachhängt.

"Zuversichtlich" gibt er sich also zur Zukunft seiner arg gerupften Partei: "Wir bleiben natürlich dabei", spricht er im Plural. Ihn selbst hält es zwar nicht mehr wie bisher im bayerischen Landesvorstand, aber: "Ich bleibe politisch weiter aktiv" - in welcher Funktion, weiß er noch nicht. Doch als Beruf hat er Politik ohnehin nie betrieben. In seinem Studio wartet Arbeit, ein Masterband für das Album einer amerikanischen Gothic-Band, das er produziert: "Ich setz" mich gleich heute ans Mischpult." (Autor: Jan BielIcki)

Charles M. Huber, CDU - im Bundestag

Am Tag danach ist Charles M. Huber, 56, wohlgemut. Er sagt Politiker-Sätze, die er sich angewöhnt hat in den letzten Monaten, und das in einer heiteren Stimmung. "Ich will nach vorn blicken. Ich bin sehr zufrieden mit dem Gesamtergebnis der CDU." Das versteht man: Der frühere Schauspieler, einst Kommissar Henry Johnson in der Serie "Der Alte", kann sehr zufrieden mit dem Ergebnis von Angela Merkels CDU sein. Es hat ihn gerettet.

Denn der Christdemokrat, der aus Bayern nach Darmstadt gekommen war, hat sein Ziel über einen Umweg erreicht, den vor der Wahl keiner für möglich hielt: Huber zieht für die CDU Hessen über die Landesliste in den Bundestag ein. Dabei galt sein Listenplatz 19 ursprünglich als aussichtslos.

Er war angetreten, um für die Darmstädter CDU den knappsten Wahlkreis der Bundestagswahl 2009 zu gewinnen. Mit nur 45 Stimmen Vorsprung hatte Brigitte Zypries, die damalige Bundesjustizministerin, das Mandat 2009 für die SPD gewonnen.

Huber zog in eine Einliegerwohnung am Rande der Stadt, lernte sich die Sorgen der Darmstädter an, klebte eigenhändig viele Plakate und wirkte doch zuweilen fremd in der Stadt. Manche in der eigenen Partei gingen intern auf Distanz.

Der Wahlabend brachte erst mal Frust. Huber bekam 2421 Stimmen weniger als Zypries, ein deutlicher Rückstand. Nach dem Einzug über die Landesliste will er nun erst recht für Darmstadt kämpfen, verspricht Huber. Er wolle dort Wurzeln schlagen. (Autor: Jens Schneider)