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SZ-Leitartikel:Amerika im Krieg

Amerika befindet sich seit dem Morgen des 11. September im Krieg. Die Serie von Terroranschlägen auf das World Trade Center und das Pentagon bedroht die Souveränität des Landes wie kein Ereignis seit dem Angriff Japans auf Pearl Harbor.

Stefan Kornelius

(SZ vom 12.9.2001) - Das Land befindet sich in einer Schockstarre vor einem unsichtbaren Feind. Das öffentliche Leben bricht zusammen, Massenpanik und Hilflosigkeit machen sich breit in einer Nation, die sich bisher weitgehend unangreifbar fühlen musste für Terror von außen. Unvorstellbar die Perfidie und Gewalt der Zerstörung, die nicht einmal Fachleute für Terrorismus und Sicherheit in ihren schlimmsten Planspielen erwartet hätten. Unvorstellbar das Maß der Koordinierung, die Zielstrebigkeit und Tötungssucht, die die Terroristen in ihren zerstörerischen Wahnsinn getrieben haben. Unvorstellbar die Angst, das Leid und die Hilflosigkeit, die Amerika in diesem Moment erleben muss.

In der Geschichte des Terrorismus wird sich keine Tat finden, in der sich Brutalität und Symbolik zu einer derart infernalischen Wirkung verbunden haben. Das World Trade Center in New York war ein Leuchtturm Amerikas, ein Zeichen seiner ökonomischen und kulturellen Stärke, ein nationales Symbol. Das Pentagon in Washington ist die Zentrale der militärischen Macht, das steinerne Symbol einer unbesiegbaren Nation. Die Flugzeugattentate - in schier unfassbarer Brutalität gesteigert durch die vermutliche Kaperung zumindest einer Maschine - haben die Symbole zerstört und damit Amerika in seinem tiefsten Selbstbewusstsein getroffen.

Nicht, dass die Nation unvorbereitet gewesen wäre. Die amerikanische Politik hat immer schon mit schlimmen Szenarien gerechnet, mit der Kombination der für das Land so tödlichen Waffen aus verstecktem Terrorismus, Überraschung und Symbolik. Wie wurden sie dafür belächelt in Europa und anderswo, die Anti-Terror-Planer aus Washington. Wie wurden ihre Warnungen abgetan als Neurosen einer fantasiebegabten, hollywoodgesteuerten Politik. Der Doppelschlag von New York und Washington aber übertrifft selbst die schlimmsten Planspiele.

Amerika und seine Symbole sind als Projektionsfläche für Terroristen erst in den vergangenen Jahren zu einem bevorzugten Ziel gereift. Schon hinter dem Anschlag von Oklahoma wurde mehr vermutet als die wirre Tat eines Einzelgängers. Die Bombenattentate auf die Botschaften in Afrika und das Kriegsschiff Cole vor der Küste des Jemen ließen die Gefahr näher kommen. Nun herrscht Gewissheit, dass die USA nicht sicher sind vor jedweder Art von Terror - nicht einmal an der vermeintlich sichersten Stelle des Landes, dem Pentagon.

Die Stärke Amerikas ist zu seiner tatsächlichen Schwachstelle geworden, die von aller Welt wahrgenommene und von vielen mit steigendem Hass empfundene Dominanz hat die Vereinigten Staaten angreifbar gemacht. Es liegt in der wirren Logik dieser Form des Terrors, dass er sich die Symbole seines Hassobjekts zum Ziel macht.

Während Manhattan von den Staubwolken der einstürzenden Zwillingstürme verdeckt wurde, lässt sich ohne viel Fantasie behaupten, dass diese Attentate die Welt massiv verändern werden. Amerika wird die Akte des Terrors als Kriegserklärung verstehen, als Angriff auf das Land. Sollten die Täter identifiziert werden, werden die USA mit noch nicht vorstellbarer Härte Vergeltung üben. Ein tatsächlicher Krieg gegen eine fundamentalistische Gruppe oder gar gegen ein Land sind wahrscheinlich. Die Ausweitung zu einem regionalen Konflikt ist nicht ausgeschlossen.

Aber damit wird es nicht getan sein. Die explodierenden Flugzeuge werden ihre zerstörerische Kraft in alle Bereiche der Gesellschaft in den USA tragen. Sie werden in ihren Ausläufern auch Europa treffen, das sich ebenfalls auf eine neue Dimension des Terrors einstellen muss. Die Anschläge treffen zunächst die Regierung Bush, die unter der unvorstellbaren Last der Ereignisse zusammenbrechen kann. Die Anschläge treffen die ökonomischen Adern dieser Erde, sie werden Furcht und Erstarrung in Gesellschaften tragen mit noch nicht zu kalkulierenden Wirkungen. Vorstellbar ist, dass sich Amerika noch weiter zurückziehen wird von den Ereignissen dieser Welt, dass der im Land allemal vorhandene Hang zum Isolationismus - "was wollen wir mit dieser Welt zutun haben" - zu einer wirklich substantiellen Verschiebung auch der politischen Gewichte auf dem Globus führt.

Nach den Angriffen vom 11. September muss deshalb die noch vernunftgesteuerte Welt zusammen stehen und sich zu einem Feldzug mobilisieren, der sich gegen die kranken Hirne hinter dieser Barbarei richtet. Das World Trade Center und das Pentagon dürfen nicht zum Symbol einer Entwicklung werden, die aus der Welt einen Hort der Angst und des Terrors macht und die Stabilität der staatlichen Institutionen und vielleicht gar der Demokratie gefährdet. Die unsichtbaren Feinde der Zivilisation müssen enttarnt und unerbittlich verfolgt werden. Denn niemand - ob in New York, Berlin, London oder Tokio - wird sich sonst von der Angst befreien können, die sich an diesem 11. September über die Welt gelegt hat.

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