SZ-Interview mit Wladimir Putin:"Diese Leute sind Provokateure oder sehr dumm"

Lesezeit: 14 min

SZ: In Dresden, dem Ort Ihres fünften Treffens mit Bundeskanzlerin Angela Merkel, haben Sie in den achtziger Jahren für den sowjetischen Geheimdienst gearbeitet. Frau Merkel stammt aus der DDR. Haben Sie deshalb ein komplizierteres Verhältnis zu ihr als zu ihrem Vorgänger Gerhard Schröder?

Putin, Merkel, dpa

In welcher Sprache sich Putin und Merkel in dieser Situation unterhalten, ist unbekannt.

(Foto: Foto: dpa)

Putin: Nein und - offen gestanden - verstehe ich den Geist Ihrer Frage nicht. Ich liebe Deutschland und mache keinen Hehl daraus. Ich spreche immer schlechter Deutsch, aber ich mag die deutsche Sprache. Ich liebe die deutsche Kultur. Sie nimmt einen ungeheuren Platz in der Zivilisation der Menschheit ein. Russland war immer durch enge Bande mit Deutschland verbunden. Katharina die Große, nach meiner tiefen Überzeugung eines der erfolgreichsten Oberhäupter Russlands, war eine Deutsche.

SZ: Das liegt mehr als 200 Jahre zurück.

Putin: Was den Regierungswechsel in Deutschland betrifft, so hat er Gott sei Dank die Substanz der Beziehungen zwischen unseren Ländern nicht berührt. Frau Merkel widmet den Beziehungen zu Russland viel Aufmerksamkeit. Sie spricht auch Russisch.

SZ: Gut?

Putin: Gut. Ich war überrascht. Ihr Wortschatz hat natürlich gelitten, weil man eine Fremdsprache jeden Tag sprechen soll, genauso wie man jeden Tag ein Musikinstrument spielen soll. Käme sie in eine russische Umgebung, würde sie aber sehr schnell frei sprechen. Gute persönliche Beziehungen helfen immer bei der Arbeit. Frau Merkel und ich haben einen guten menschlichen Kontakt. Dass sie in der DDR gelebt hat, stört nicht. Im Gegenteil, es hilft. Die Menschen im östlichen Teil Europas haben eine ähnliche Mentalität.

SZ: Und doch betont der deutsche Innenminister Wolfgang Schäuble, es gebe keine Sonderbeziehungen zu Russland. Ärgert Sie das?

Putin: Das sind keine Botschaften, die für Russland bestimmt sind, sondern eher für Übersee. Ich kenne den deutschen Innenminister und kann mir vorstellen, dass er seine eigenen Ansichten hat. Aber sowohl die russische als auch die deutsche politische Klasse sind sich der Bedeutung unserer Zusammenarbeit voll bewusst.

SZ: Im Januar übernimmt Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft. Was erwarten Sie davon?

Putin: Deutschland ist einer der wichtigsten Partner für die Beziehungen zwischen Russland und dem geeinten Europa. Das Partnerschaftsabkommen zwischen Russland und der EU läuft 2007 aus , und wir müssen ein neues Dokument ausarbeiten. Wir stehen vor großen Aufgaben bei der Bildung der sogenannten vier gemeinsamen Räume in der Wirtschaft, der Sicherheit, der innere n Sicherheit und im humanitären Bereich.

Vertreter der Europäischen Kommission haben eine Freihandelszone zwischen der EU und Russland angeregt. Wir halten das für sehr wichtig und sehen es positiv. Wir denken allerdings, dass Deutschland diesem Thema als EU-Ratspräsident mehr Aufmerksamkeit schenken sollte. In den europäischen Beziehungen zu Russland kann Deutschland nach meiner Überzeugung absolut die Führung behalten.

SZ: Sie erwarten eine Freihandelszone Europa-Russland. Frau Merkel denkt allerdings mehr an eine Freihandelszone mit Amerika. Lässt sich das in Einklang bringen?

Putin: Es war, wie gesagt, nicht unsere Idee, sondern eine Idee der Europäischen Union. Das ist ein typisches Problem der EU. Die EU sollte erst einmal für sich selbst klar machen, was ihre Prioritäten sind. Aber ich glaube, das eine schließt das andere nicht aus.

Ich bin kein Experte für die europäisch-amerikanischen Beziehungen. Wenn die Freihandelszone zwischen der EU und den USA die vielen Streitigkeiten etwa in der Landwirtschaft oder beim Stahl lösen kann, dann ist sie nur gut und kann die Weltwirtschaft stabilisieren. Wir würden das nur begrüßen, aber das berührt uns nicht direkt. Wir beabsichtigen auch nicht, da in einen Wettbewerb zu treten.

SZ: Was haben Sie zu bieten?

Putin: Wir haben enorme Ressourcen. Ganz Europa braucht unsere Energie. Wir müssen alle Ängste und Sorgen ausräumen und stattdessen Stabilität, Vertrauen und Berechenbarkeit bieten. Das ist im Rahmen einer Freihandelszone zu bewerkstelligen. Oder nehmen sie den Flugzeugbau. Wenn wir unsere Bemühungen mit denen des europäischen Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS bündeln würden, dann wären wir ein ernstzunehmender Spieler auf dem internationalen Markt.

Ich weiß wirklich nicht, ob ähnlich idyllische Zustände zwischen amerikanischen und europäischen Flugzeugbauern geschaffen werden könnten. Das scheint mir heute wenig wahrscheinlich zu sein. Es gibt auch andere Möglichkeiten. Gerade erst haben wir den größten Aluminium-Konzern der Welt geschaffen. Die Möglichkeiten zur Zusammenarbeit sind vielfältig.

Lesen Sie weiter, wie Wladimir Putin das russische Engagement bei EADS beurteilt

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