Südkorea Kurs aufs Blaue Haus

Der frühere UN-Generalsekretär Ban Ki-moon kehrt als Hoffnungsträger nach Südkorea zurück: Gleich mehrere Parteien umwerben ihn als möglichen Präsidentschaftskandidaten.

(Foto: Lee Jin-Man/dpa)

Der frühere UN-Generalsekretär Ban Ki-moon steigt in den südkoreanischen Wahlkampf ein. Offenbar strebt er das Amt der suspendierten Präsidentin Park Geun-hye an.

Von Christoph Neidhart, Tokio

Ban Ki-moon strebt offenbar das Amt des südkoreanischen Staatspräsidenten an. Nur zwölf Tage nach dem Ende seiner Amtszeit als UN-Generalsekretär hat der 72-Jährige am Donnerstag auf einer Pressekonferenz kurz nach seiner Landung auf dem Flughafen der Stadt Incheon bekräftigt: "Ich bin bereit, alles für mein Land zu geben." In Seoul wird dies als Erklärung einer Präsidentschaftskandidatur gedeutet. Ban bestätigte diese Interpretation zunächst nicht. Er kündigte lediglich an, er werde schon am Freitag eine Reise durch Südkorea beginnen, um sich mit "Bürgern zu treffen und ihnen zuzuhören". Das Land stecke "in einer tiefen generellen Krise", er wolle Südkoreas "Politik verändern, nicht die Regierung". Seine Worte richteten sich an konservative wie auch liberale Wähler; in beiden Lagern ist der Verdruss groß über die Korruptionsaffäre der suspendierten Präsidentin Park Geun-hye.

Ban rief die Koreaner zur Integration auf - sie könnten die Krise um Park und ihre Freundin Choi Soon-sil, einer Sektenpredigerin, nur gemeinsam bewältigen. Die Ermittler werfen Park und Choi vor, den großen koreanischen Konzernen Millionen-Beträge abgepresst zu haben. Choi und mehrere Beamte sitzen deshalb in Untersuchungshaft, der Samsung-Erbe Lee Jae-yong wird ebenfalls verdächtigt. Choi soll auch in Parks Politik hineinregiert haben. Das Parlament hat Park im Dezember ihres Amtes enthoben, aber das Verfassungsgericht muss das noch bestätigen. Sechzig Tage danach wird ein neuer Präsident gewählt.

Meinungsumfragen zufolge läge Ban, wenn die Wahlen schon diese Woche stattfänden, knapp hinter dem liberalen Moon Jae-in an zweiter Stelle. Moon war vor vier Jahren gegen Park angetreten, unterlag aber - auch weil der südkoreanische Geheimdienst den Wahlkampf damals zugunsten von Park manipuliert hatte. Saenuri, die konservative Partei von Präsidentin Park, versucht nun, Ban als ihren Kandidaten zu gewinnen. Weil er zehn Jahre in New York verbracht hat, also in weiter Ferne vom Filz zwischen südkoreanischer Industrie und Politik, besteht eine gute Chance, dass er Saenuri das "Blaue Haus" sichern kann, den Sitz des koreanischen Präsidenten. Chung Woo-taik, Fraktionschef von Saenuri, schmeichelte Ban, er sei "der Stolz der Koreaner, in dieser ernsten Situation unseres Landes hoffen wir auf sein Prestige und seine Würde". Allerdings bemühen sich auch Parks parteiinterne Gegner um den ehemaligen UN-Generalsekretär, ebenso eine konservative Kleinpartei.

Ein koreanischer Fernsehsender nannte Bans Rückkehr nach Korea "einen historischen Moment". Koreaner, die Weltgeltung erlangt haben, werden in Seoul hofiert wie Könige, der scheidende Vorsitzende der Vereinigten Nationen ganz besonders. Was jemand erreicht hat, ist dabei sekundär - Hauptsache, er ist weltberühmt. Am Freitagmorgen wird sich Ban auf den Nationalfriedhof begeben, um früheren Präsidenten Südkoreas zu gedenken. Am Samstag reist er in seinen Heimatort Eumseong, wo er seine 92-jährige Mutter besuchen wird und das Grab seines Vaters. Die Fernsehkameras werden ihm dabei auf Schritt und Tritt folgen.

Eumseong ist freilich mehr als nur Bans Heimatort, das verschlafene Bauerndorf hat sich schon zu Lebzeiten des berühmten Sohnes in eine Wallfahrtsstätte verwandelt. Es gibt zwei Ban-Ki-moon-Statuen, auf einer hält er den Globus in der Hand, ein Ban-Ki-moon-Museum, eine Ban-Ki-moon-Straße, einen Ban-Ki-moon-Platz und den Nachbau seines bescheidenen Geburtshauses. Das lokale Taekwondo-Turnier nennt sich Ban-Ki-moon-Cup. Personenkult gibt es nicht nur in Nordkorea. Im Hinblick auf seine Präsidentschaftskandidatur gründeten Lokalpolitiker in Eumseong bereits vorigen Sommer einen Ban-Ki-moon-Fanclub, die "Glühwürmchen".

Kurz vor seinem Abflug aus New York erfuhr Ban, dass sein Bruder und sein Neffe von der Staatsanwaltschaft Manhattan wegen Korruption angeklagt wurden. Ban sagte Journalisten am John-F.-Kennedy-Flughafen: "Ich bin entgeistert, das verwirrt mich und macht mich verlegen." Überrascht haben kann es ihn freilich nicht, die koreanischen Medien berichteten schon 2015 über die Strafuntersuchung. Bans Neffe wurde im September in Seoul wegen Betrugs zu einer Geldstrafe von etwa 500 000 Euro verurteilt. Fast alle bisherigen koreanischen Präsidenten gerieten wegen dunkler Geschäfte ihrer Verwandtschaft in Schwierigkeiten. In Seoul wird sogar Ban selbst der Korruption bezichtigt. Nach Angaben einer Wochenzeitung ließ er sich als Außenminister zwischen 2004 und 2006 mit etwa 200 000 Euro schmieren. Ein Sprecher Bans hat die Vorwürfe dementiert und dem Blatt mit rechtlichen Schritten gedroht.

Ban Ki-moon trat 1970 unter Militärdiktator Park Chung-hee, dem Vater der suspendierten Präsidentin, in den diplomatischen Dienst ein. Er machte zunächst im diplomatischen Apparat der Diktatur Karriere, schaffte den Übergang zur Demokratie jedoch reibungslos. Obwohl er selbst ein Konservativer ist, diente er dem linken Menschenrechtsanwalt Roh Moo-hyun während dessen Präsidentschaft als Außenminister.