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Südkorea:Die letzte Zeitzeugin geht

Lee Hee-ho

Sie hoffte auf eine Wiedervereinigung: Lee Hee-ho.

(Foto: AP)

Lee Hee-ho, Südkoreas ehemalige First Lady, ist im Alter von 96 Jahren gestorben. Sie trat für Frauenrechte ein und eine Aussöhnung mit dem Norden - auch in der Phase, als Pjöngjang international völlig isoliert war.

Tausende Südkoreaner und zahlreiche Politiker nahmen am Freitag auf dem Nationalen Friedhof in Seoul Abschied von Lee Hee-ho, der Witwe des früheren Präsidenten Kim Dae-jung. Die 96-Jährige, die in der Nacht zu Dienstag gestorben ist, war weit mehr als Südkoreas First Lady der Jahre 1998 bis 2003. Im patriarchalen Südkorea setzte sie sich für die Frauenrechte ein. Und bis zuletzt für den Ausgleich mit Nordkorea. Nach dem Tod von Diktator Kim Jong-il 2011 war sie es, die nach Pjöngjang reiste, um Nordkorea im Namen Seouls zu kondolieren. Im Jahre 2015, als Kim Jong-un völlig isoliert war, führte sie eine Delegation in den Norden. Erstmals war sie mit Kim Dae-jung zum innerkoreanischen Gipfel im Jahre 2000 in Pjöngjang gewesen.

Ihr Mann war in den Jahrzehnten der Diktatur der prominenteste Oppositionelle Südkoreas. Nachdem er 1971 nach Japan ins Exil gegangen war, wurde er 1973 von Diktator Park Chung-hees Schergen in Tokio gekidnappt, beinahe ermordet und dann nach Seoul verschleppt. Nur eine Intervention Washingtons dürfte den Dissidenten vor einer Hinrichtung bewahrt haben.

Mit den Aufständen der 1980er-Jahre erkämpften sich die Südkoreaner die Demokratie. 1998 wählten sie Kim Dae-jung zu ihrem Staatspräsidenten. Als solcher startete er die sogenannte Sonnenscheinpolitik, den ersten Anlauf zum Frieden mit Nordkorea. Dafür erhielt er im Jahre 2000 den Friedensnobelpreis. Kim, der sich seit dem Ende des Koreakriegs für Menschenrechte und Frieden mit dem Norden eingesetzt hatte, ist bereits vor zehn Jahren gestorben. In Lee, die sich seither um sein politisches Erbe bemühte, ist nun auch die letzte Zeitzeugin verstummt, die Südkoreas ganze politische Geschichte aus der Nähe miterlebt hat.

Südkoreas First Ladies agieren meist im Hintergrund. Lee war eine Ausnahme. Noch in ihren letzten Atemzügen sagte sie, sie bete für das koreanische Volk und für eine friedliche Wiedervereinigung.

Nordkorea hat politische Beerdigungen im Süden schon früher genutzt, mit der Entsendung hochrangiger Delegationen ein Zeichen der Entspannung zu senden. Man war deshalb gespannt, wie Pjöngjang auf Lees Tod reagieren würde. Am Dienstag meldete der Norden, Machthaber Kim Jong-un werde seine Schwester Kim Yo-jong zum Kondolenzbesuch schicken. Das war eine gute Nachricht, prominenter und persönlicher konnte er sich kaum vertreten lassen. Doch dann kam die 30-Jährige am Mittwoch nur ins Waffenstillstandsdorf Panmunjom, wo sie einer Delegation Südkoreas Blumen und eine Kondolenzbotschaft überreichte. Sie überschritt nicht einmal die Grenze, sondern blieb auf der Nordseite. Der demokratische Parlamentarier Park Jie-won, der die Blumen entgegennahm, bedauerte, dass die Delegation nicht zur Beerdigung nach Seoul kam. Immerhin habe Kim Yo-jong ihm "fest versprochen", ihrem Bruder Seouls Aufforderung zu überbringen, die beiden Koreas sollten sich bald zu ihrem nächsten Gipfel treffen. Möglichst noch im Juni. Der jüngste Brief, den Kim dem US-Präsidenten Donald Trump geschrieben hatte, schien diesen Optimismus zu rechtfertigen.

Schon am folgenden Tag jedoch griff Nordkoreas Parteizeitung Rodong Sinmun Südkorea an, es tue zu wenig für den innerkoreanischen Ausgleich, es lasse sich von Washington zurückhalten. Das wird als Absage an einen innerkoreanischen Gipfel gedeutet. Noch in Lee Hee-hos Tod spiegelt sich das prekäre Patt auf der koreanischen Halbinsel.