bedeckt München
vgwortpixel

Stuttgart 21: Umstrittene Aussage:Was das Goebbels-Zitat für Geißlers Ruf bedeutet

Mit einer Mischung aus Strenge, Freundlichkeit und Humor führte Schlichter Heiner Geißler durch die Verhandlungen um Stuttgart 21. Seine Sturheit, mit der er jedes noch so kleine Detail geklärt haben wollte, war bewundernswert. Dass er nun mit derselben Akribie sein Goebbels-Zitat zu verharmlosen sucht, macht ihn wieder zu dem, der er bestimmt nicht mehr sein wollte.

Ein Gutteil der Faszination, die das Schlichtungsverfahren um Stuttgart 21 entwickelte, war der Person des Schlichters zu verdanken. In einer Mischung aus Strenge, Freundlichkeit und Humor führte Heiner Geißler die Parteien über Wochen unter großer öffentlicher Anteilnahme durch harte Verhandlungen. Vermutlich wäre der Schlichter Geißler jedem anderen, der ein Zitat von Joseph Goebbels benutzt hätte, einmal kurz, auf gut Deutsch, übers Maul gefahren - und fertig. Genau diese Souveränität aber fehlt Geißler nun ausgerechnet mit sich selbst.

Den Schlichter Geißler zeichnete aus, dass er nie müde wurde; dass er trotz seiner 81 Jahre nicht lockerließ; dass er jedes umstrittene Detail bis zur Ermüdung all der deutlich jüngeren Streithansel geklärt haben wollte. Dieselbe Akribie verwendet Geißler nun darauf, sein Goebbels-Zitat vom "totalen Krieg" als Harmlosigkeit darzustellen. Was mit einem Wort des Bedauerns hätte erledigt sein können, verteidigt Geißler in immer neuen Interviews, in denen sich seine bewundernswerte Sturheit allmählich in einen hässlichen Starrsinn wandelt.

Im Furor über seine Kritiker verrennt sich Geißler in widersprüchliche Begründungen. Er beruft sich auf Winston Churchill und Friedrich den Großen, um die Bedeutung des Begriffs vom "totalen Krieg" zu relativieren - und gibt doch zu, die rhetorische Frage, die sich im kollektiven Gedächtnis eben ausschließlich mit Goebbels verbindet, bewusst benutzt zu haben, weil er Aufmerksamkeit habe erzielen wollen. Er verwahrt sich zu Recht dagegen, auch nur in die geistige Nähe eines Joseph Goebbels gerückt zu werden, mokiert sich gleichwohl darüber, dass die Leute jedes Mal "nervös und verrückt" würden, "wenn man etwas aus der Nazizeit auch nur erwähnt".

Mal ganz jenseits der NS-Terminologie ist die Verwendung des Wortes "Krieg" im Streit um einen Bahnhof doch eher zweifelhaft. Stuttgart 21 ist nicht der erste Konflikt um ein Bauwerk, der von Demonstrationen begleitet und mit Wasserwerfern nicht gelöst worden ist. Trotzdem würde wohl auch Geißler nicht von einem dauerhaften Kriegszustand in diesem Land sprechen. Das Wort vom "Krieg", sei es auch nur vom "Krieg der Worte", verschafft den Konfliktparteien eine zu billige Rechtfertigung für ihre Unversöhnlichkeit. Und es setzt den Schlichter Geißler zu sehr dem Verdacht aus, mit der Größe der Aufgabe auch seine Rolle und Bedeutung vergrößern zu wollen.

Die Schlichtung war ein Verfahren, das auf dem freiwilligen Einverständnis aller Teilnehmer basierte und auf der Autorität Heiner Geißlers: Mit der Erfahrung des gewesenen Politikers führte er ein quasi überpolitisches Forum. Mit nur einem Satz und mit der Unfähigkeit, wenigstens der Irritation über diesen einen Satz ihr Recht einzuräumen, ist Geißler wieder geworden, was er bestimmt nicht mehr sein wollte: ein Politiker, der sich in Ausflüchte rettet, um einen eigenen Fehler nicht zugeben zu müssen.