bedeckt München 30°

Sterbehilfe:Mehr Liberalität

Einfluss der Kirchen, Schatten der Nazi-Geschichte, Obrigkeitsdenken: Deutschland tat sich lange besonders schwer im Umgang mit dem Wunsch nach dem Tod. Karlsruhe zeigt nun den Weg zu einer besseren Lösung.

Von Thomas Kirchner

Das Sterbehilfe-Urteil des Bundesverfassungsgerichts gehört zu jenen Richtersprüchen, deren gesellschaftspolitische Wirkung kaum zu überschätzen ist, ähnlich den Entscheidungen zur Abtreibung oder zur Homo-Ehe. Auf fast paradoxe Weise greifen die Richter tief ein in die Intimsphäre der Bürger: indem sie diese von Eingriffen des Staates befreien. Jeder einzelne, und eben nicht Richter oder Pfarrer, soll selbst über das Ende seines Lebens entscheiden können, und das heißt auch: über den Zeitpunkt. Dies gilt, so die Richter, "für jede Phase der menschlichen Existenz", unabhängig von schwerer oder unheilbarer Krankheit.

Damit ist ein weites Feld geöffnet. Es ermöglicht eine Praxis, die weit liberaler wäre als die Regelungen in den Niederlanden oder Belgien. Andererseits liefert das Urteil Leitplanken, etwa durch den unmissverständlichen Hinweis auf die Gefahren des Missbrauchs, gerade unter Verweis auf die genannten Länder. Mit diesen Vorgaben müssen Politik und Gesellschaft nun eine neue Lösung suchen. Aber wie? Aus den Erfahrungen anderer Gesellschaften ließe sich einiges lernen, das Ziel betreffend - und den Weg.

Von außen betrachtet erschien die deutsche Sterbehilfe-Diskussion bisher seltsam verzerrt. Als wirkten Kräfte, die ein vernünftiges Gespräch zwischen freien Bürgern verhinderten. Diese Kräfte gibt es. Da ist zum einen der immer noch große Einfluss der Kirchen in Deutschland. Sicher, es geht um ihr ureigenes Gebiet, und sie können ein heilsames Gegengewicht bilden zu einem reinen Kosten-Nutzen-Denken oder Hedonismus nach dem Motto: Ich designe mir mein Leben selbst. Aber die gestrenge Sicht vor allem der katholischen Kirche, übernommen von christdemokratischen Politikern, ist doch recht dominant geblieben. Fast reflexhaft kommen Bischöfe oder "Lebensschützer" zu Wort, mit oft überzeichneten Darstellungen der angeblich schlimmen Zustände im Ausland. Für die bevorstehende Diskussion wäre es hilfreich, wenn der religiöse Aspekt nur als einer von mehreren einflösse.

Das zweite ist der Schatten des Nationalsozialismus. Der Begriff Euthanasie (wörtlich: guter oder angenehmer Tod), anderswo selbstverständlich gebraucht, ist zu Recht Unwort in einem Land, in dem mutmaßlich "unwertes" Leben tausendfach vernichtet wurde. Das sollte niemand je vergessen. Es sollte die Deutschen aber nicht davon abhalten, sich nüchtern zu fragen, wie sie hier und heute mit Leiden und Tod umgehen. Laut Umfragen wird Sterbehilfe von einer klaren Mehrheit der Bevölkerung befürwortet.

Hinzu mag, wer will, das deutsche Obrigkeitsdenken zählen, das der Autonomie des Einzelnen entgegensteht. Die Verfassungsrichter haben die Verhältnisse mit ihrer Betonung der individuellen Freiheit geradegerückt. Was dennoch fehlt in Deutschland, ist ein Schuss mehr Liberalität und Pragmatismus.

Dann wäre die Sache auch inhaltlich nicht so schwierig. Zu wünschen ist eine Lösung, die unheilbar kranken, unerträglich leidenden Menschen jeden Alters die Chance gibt, ihr Leben zu beenden - unter Mithilfe von Ärzten und strenger Kontrolle jedes einzelnen Falles. Sterbehilfe-Vereine sollten zugelassen werden, ohne selbst Sterbehilfe leisten zu dürfen.

Das Karlsruher Urteil ist eine große Chance. Um sie zu nützen, braucht es mutige Politiker. Und mündige Bürger.

© SZ vom 28.02.2020

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite