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Spitzenkandidatur:Herr Glatt gegen Frau Ruppig

Landtagssitzung Baden-Württemberg

Thomas Strobl und Susanne Eisenmann verbindet eine langjährige Freundschaft – im Stil könnten beide aber kaum unterschiedlicher sein.

(Foto: Marijan Murat/dpa)

Die CDU in Baden-Württemberg fürchtet bei der nächsten Landtagswahl erneut eine Schmach - und erwägt deshalb, anstelle des Landeschefs Thomas Strobl die Kultusministerin Susanne Eisenmann aufzustellen.

Thomas Strobl und Susanne Eisenmann kennen einander seit fast 40 Jahren. Er feierte bei ihrer Hochzeit 2011 mit. Und sie hat ihm ihren Ministerposten zu verdanken; 2016 hievte er die Stuttgarter Schulbürgermeisterin an die Spitze des Kultusministeriums, gegen erhebliche innerparteiliche Widerstände. Aber die Freundschaft, die bis in Junge-Union-Zeiten zurückreicht, steht vor einem Härtetest: Demnächst muss die CDU Baden-Württemberg entscheiden, wer zur Landtagswahl 2021 Spitzenkandidat wird. Und dabei zeichnet sich immer mehr ein Duell zwischen der 54-jährigen Stuttgarterin und dem 59-jährigen Heilbronner ab.

Strobl hat als Landesvorsitzender zwar den ersten Zugriff. Doch in der Partei mehren sich Stimmen, die seinen Verzicht fordern. Zudem verdichten sich die Anzeichen, dass Eisenmann ihren Förderer herausfordern wird - Freundschaft hin oder her. Noch bestätigt sie das nicht, aber sie dementiert es auch nicht. "Das ist eine Frage, die sich derzeit nicht stellt", sagt sie. Wer sich in der Partei umhört, bekommt gesagt: Die Frage ist nicht, ob Eisenmann antritt. Sondern nur, wann sie dies verkündet. Und unter welchen Rahmenbedingungen. Wird es eine Kampfkandidatur gegen den Landeschef? Oder wird Strobl vorzeitig zurückziehen? Letzteres wäre für ihn das Geschickteste, sagen seine Kritiker, denn nur so könne er eine klare Niederlage inklusive Gesichtsverlust vermeiden.

Die Unterstützung für den Landeschef scheint mit jeder Umfrage weiter zu bröckeln, in der die CDU und Strobl weit hinter den Grünen und deren Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann landen. Zuletzt attestierte Infratest-Dimap den Grünen 32 Prozent und der CDU 28 Prozent. Bei den persönlichen Werten ist der Abstand noch größer: 72 Prozent sind mit Kretschmann zufrieden, nur 37 mit Strobl.

Am Freitag strebt Strobl auf dem Landesparteitag seine Wiederwahl zum Landesvorsitzenden an, doch die Stimmung ist schlecht unter den Delegierten. Viele reisen mit geballter Faust in der Tasche nach Weingarten. Sie werfen Strobl vor, er habe den Parteitag nur deshalb um fünf Monate vorverlegt, damit er drei Wochen vor der Europa- und Kommunalwahl ein möglichst gutes Wahlergebnis für sich verbuchen kann. Er spekuliere darauf, dass die Delegierten Geschlossenheit zeigen und keine Denkzettelabstimmung wagen, um ihr eigenes Wahlergebnis am 26. Mai nicht zu gefährden. Ob er am Freitag seine ohnehin schwache Marke von 2016 - 82 Prozent - wieder erreicht, ist also offen. Angeblich bereiten frustrierte Delegierte einen Antrag vor, der künftig kurz vor Wahlen eine Abstimmung über den Landesvorsitz verbieten soll. Wenn das so durchginge, wäre das eine schallende Ohrfeige für Strobl.

Die offene Konfrontation mit ihm wagt noch niemand. Aber hinter vorgehaltener Hand wird wild geschimpft. "Strobl ist das Hauptproblem der CDU", sagt einer aus der Landtagsfraktion, "mit ihm haben wir keine Chance." Schon bei den Wahlen 2011 als Generalsekretär und 2016 als Landeschef habe er die Niederlagen mitverschuldet, jetzt solle er den Weg frei machen anstatt die Partei 2021 als Spitzenkandidat in das nächste Desaster zu führen.

"Diplomatie ist etwas für das außenpolitische Parkett", sagt die in der Partei beliebte Ministerin

Strobl selbst sieht das ganz anders. Er habe nach den Schlappen 2011 und 2016 "Verantwortung übernommen", zuletzt habe er die CDU "in die Regierung geführt". Tatsächlich gilt der Landesinnenminister und stellvertretende Ministerpräsident in der grün-schwarzen Koalition als Stabilitätsfaktor. In vielen Konflikten hat er mit Kretschmann Kompromisse ausgehandelt. Doch genau das werfen ihm die parteiinternen Kritiker vor: Kretschmann habe ihn zu sehr im Griff, die CDU habe als Juniorpartner der Grünen viel zu wenige Akzente gesetzt und Fehler gemacht.

Auf Anfrage wollen sich weder Thomas Strobl noch Susanne Eisenmann übereinander äußern. Aber Eisenmanns öffentliche Auftritte werden mehr, zuletzt startete sie die Gesprächsreihe "Elternabend", bei der sie durchs Land reist und Fragen von Eltern und Lehrern beantwortet. Dabei gibt sie sich betont bürgernah und bodenständig - ein klarer Gegenentwurf zu Strobl, dem Eitelkeit und unauthentisches Auftreten vorgeworfen werden.

Eisenmann spricht frei und druckreif und fast so schnell wie ihr ehemaliger Chef Günther Oettinger, dessen Büroleiterin sie von 1991 bis 2005 in seiner Zeit als Landtagsfraktionschef war. Von 2005 bis 2016 war sie Stuttgarts Schulbürgermeisterin, dann wurde sie Kultusministerin. Ihre Befürworter loben sie als Frau mit Rückgrat, politischem Gespür und Entscheidungsfreude. Kritiker werfen ihr vor, sie habe einen rüden Umgangston und herrsche Mitarbeiter an. Zu dieser Kritik sagt sie: "Diplomatie ist etwas für das außenpolitische Parkett. Mir ist ein begründetes Nein viel lieber als ein unehrliches Ja." Dieser Satz kann auch als indirekte Distanzierung zu Thomas Strobl gewertet werden. Denn ihm wird vorgeworfen, er wolle es immer es allen recht machen. Eisenmann sagt dagegen: "Ich werde anderen Leuten nicht nach dem Mund reden."

Das zeigte sie am Montag in Mühlacker bei Pforzheim: Vor Eltern und Parteileuten räumt sie einerseits ein, dass im Land an allen Ecken und Enden Lehrer fehlen, bei den anderen Kritikpunkten widerspricht sie aber beharrlich. Nach der Fragestunde überreicht ihr der Chef des CDU-Stadtverbands zwei Flaschen Wein und kündigt an, sie in zwei Jahren wieder einzuladen. "Aber dann als Ministerpräsidentin", ruft Günter Bächle dazwischen. Der Vorsitzender der CDU-Stadtratsfraktion sagt nach der Veranstaltung im kleinen Kreis: "Wir brauchen eine Kandidatin, die authentisch ist und nicht so aalglatt." Alle umstehenden CDU-Mitglieder nicken.