Spekulation um Tod Jassir Arafats:Nährboden für Gerüchte

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Erst jetzt, fast ein Jahrzehnt später, holte die 49-Jährige sie hervor. Sie wolle die wahren Hintergründe des Todes ihres Mannes herausfinden, sagte sie dem Fernsehsender Al-Dschasira. Deshalb sollten die Forscher in Lausanne den Nachlass ihres Mannes auf Strahlung untersuchen.

Die Untersuchungen im Schweizer Institut liefen unter dem Code "Herr Louvet" - unter diesem Decknamen wurde Arafat einst auch in den Patientenlisten des Militärkrankenhauses Percy geführt. An einer Mütze entdeckten die Wissenschaftler aus Lausanne ein Haar, in einer Unterhose ("offensichtlich getragen", wie es im Untersuchungsbericht heißt) war ein Tropfen Blut - laut einem DNA-Test stammt sie mit sehr großer Wahrscheinlichkeit von Arafat. Bei weiteren Untersuchungen fanden die Schweizer Wissenschaftler "eine potenzielle Kontamination mit einer tödlichen Menge von Polonium-210", wie es in dem 17-seitigen Abschlussbericht heißt.

Parallelen zwischen Arafat und Litwinenko

An zwei Zahnbürsten, einer Unterhose mit Urinflecken sowie einer Fellmütze, die Arafat kurz vor seinem Tod getragen haben soll, stellten die Wissenschaftler überraschend große Polonium-Spuren fest. Seither keimt der Verdacht, Arafat könnte wie Litwinenko mit strahlendem Gift getötet worden sein.

Tatsächlich gibt es viele Parallelen: Sowohl Arafat als auch Litwinenko zeigten wenige Stunden nach einem Essen, bei dem ihnen das geschmacklose Gift untergemischt worden sein könnte, erste Symptome. Beide übergaben sich, bekamen Durchfall, kamen scheinbar kurz wieder zu Kräften - Ärzte sprechen von der "Walking-Ghost-Phase" bei Strahlenkranken - bevor sie innerhalb weniger Wochen starben.

Taufik Tirawi, der Vorsitzende der offiziellen palästinensischen Untersuchungskommission zum Tod Arafats, behauptet, ein Palästinenser habe Abu Amar, wie seine Anhänger den PLO-Chef nannten, im Auftrag Israels vergiftet. Der libanesische TV-Sender al-Mayadeen strahlte jüngst ein angeblich 2006 aufgezeichnetes Interview mit einem palästinensischen Häftling aus, der aussagte, er sei von einem israelischen Offizier namens Yoram mit dem Tode bedroht und gezwungen worden, Arafat Gift in seinen Reis und seine Suppe zu mischen.

Israel bestreitet Beteiligung

Die israelische Regierung bestreitet, etwas mit dem Tod zu tun zu haben. Bislang steht damit die Aussage eines Häftlings gegen die der israelischen Regierung. Und die Israelis waren nicht Arafats einzige Feinde. Auch in seinen eigenen Reihen hofften viele auf ein rasches Ende der Ära Arafat.

Die Schweizer Wissenschaftler, die Arafats Kleidung in den vergangenen Wochen auf Strahlung untersuchten, warnen indes vor voreiligen Schlüssen. "Es gibt Hinweise, dass Arafat mit Polonium vergiftet worden sein könnte, ein Beweis ist das aber noch nicht", sagt François Bochud, der an der Untersuchung beteiligt war. Er verweist auf die geringe Halbwertszeit von Polonium-210: Alle 138 Tagen halbiert sich die Strahlung. Von der Ursprungsmenge wären acht Jahre nach Arafats Tod nur ein Millionstel übrig. Die Proben könnten auch nachträglich manipuliert worden sein.

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