Spekulation um Tod Jassir Arafats Auf der Suche nach dem strahlenden Gift

Vor acht Jahren starb Palästinenser-Präsident Jassir Arafat unter rätselhaften Umständen. Schweizer Forscher haben nun Spuren von Polonium an der Kleidung gefunden, die er getragen haben soll. Wurde Arafat genauso vergiftet wie der russische Spion Litwinenko?

Von Frederik Obermaier

Vier Stunden nach dem Abendessen fing das Leiden an: Jassir Arafat krümmte sich vor Bauchschmerzen, er bekam Durchfall, übergab sich. Monatelang hatte er sein von israelischen Bulldozern halb zerstörtes Hauptquartier, die Mukata in Ramallah, nicht mehr verlassen. Während ihn draußen Israels Armee belagerte, machte Arafat, so erzählten es später Vertraute, täglich Gymnastik. Für sein Alter war der 75-Jährige fit. Bis zu jenem 12. Oktober 2004, als es Reis mit Suppe gab.

Jassir Arafat im Jahr 2004 auf dem Weg nach Paris, wo er zwei Wochen später verstarb. An zwei Zahnbürsten, einer Unterhose mit Urinflecken sowie einer Fellmütze, die Arafat kurz vor seinem Tod getragen haben soll, stellten die Wissenschaftler überraschend starke Polonium-Spuren fest.

(Foto: REUTERS)

Arafat sollte sich danach nicht mehr erholen. Innerhalb weniger Tage magerte er ab, der einst so mächtige Palästinenserchef wurde regelmäßig ohnmächtig, am 27. Oktober wurde er schließlich nach Frankreich ausgeflogen, in das Militärkrankenhaus Percy südlich von Paris. Dort starb Arafat am 11. November 2004.

Die genauen Umstände seines Todes sind auch acht Jahre später noch nicht geklärt. Doch es gibt einen Verdacht: Polonium-210. In Arafats Krankenakte und dem Abschlussbericht einer aktuellen Strahlenuntersuchung seiner Kleidung, die der Süddeutschen Zeitung in Auszügen vorliegen, finden sich durchaus Hinweise für die Theorie, dass Arafat mit dem radioaktiven Schwermetall vergiftet worden sein könnte - so wie Alexander Litwinenko.

Der russische Spion wurde im November 2006 in London mit Polonium-210 getötet. Am 1. November hatte er Sushi gegessen und grünen Tee getrunken, wenig später litt Litwinenko unter Bauchschmerzen und Durchfall, musste sich fast stündlich übergeben. Es waren die gleichen Symptome wie bei Arafat. 22 Tage später war Litwinenko tot. In seinem Urin wurde Polonium-210 nachgewiesen. Über Nahrung aufgenommen oder ins Blut injiziert zerstört es die Zellen. Bereits eine Menge von 0,1 Mikrogramm, also weniger als ein Salzkörnchen, können tödlich sein. Die Strahlung zerstört den Körper von innen.

Kleidung aus einem Tresor in Paris

Auch Arafats Urin, so erzählen es Ärzte, wurde in dem französischen Krankenhaus auf Strahlung getestet, jedoch nicht auf Alpha-Strahlung, die Polonium-210 beim Zerfall erzeugt. Dass man sich mit dem seltenen Schwermetall, von dem jährlich weltweit nur etwa 100 Gramm produziert werden, Gegner vom Leib schaffen konnte, daran dachten damals nur wenige. In Geheimdienstkreisen waren Gifte wie Blausäure oder Ricin gebräuchlicher.

Erst mit Litwinenkos Tod wurden Experten auf das silberweiß glänzende Metall aufmerksam. Es ist schwer nachzuweisen, viel giftiger als etwa Blausäure und in Kernreaktoren relativ einfach herstellbar. Polonium findet Verwendung in den Zündern von Atomwaffen.

Vor einigen Monaten hat Suha Arafat, die Witwe des früheren PLO-Führers, dem Institut für Strahlenphysik im schweizerischen Lausanne mehrere Plastiksäcke voller Unterhosen, Mützen, Zahnbürsten und Jogginganzügen übergeben. Es soll sich um die Sachen handeln, die Arafat beim Aufenthalt im Militärkrankenhaus Percy bei sich hatte. Nach seinem Tod ließ die Witwe sie angeblich in Paris in einen Tresor sperren.