Spaniens Kirche im Wahlkampf Die "Reserve des Okzidents" rüstet zum Angriff

Kulturkampf vor der Parlamentswahl: Wie ultrakonservative Bischöfe eine Versöhnung mit den Sozialisten verhindern wollen.

Von Javier Cáceres, Madrid

Die Insignien des Medieninteresses standen in beeindruckender Zahl vor dem Bischof aufgebaut, Mikrofone in allen erdenklichen Farben. Daran gemessen war überraschend, welche Zurückhaltung sich Ricardo Blázquez auferlegte, als er am Montag das Wort ergriff und das Plenum der spanischen Bischofskonferenz eröffnete, Blázquez steht ihr seit drei Jahren vor.

Erzbischof Antonio María Rouco Varela

(Foto: Foto: AFP)

Nicht eine einzige Silbe zur eigenen Person kam ihm über die Lippen, und auch keine Anspielung auf die politische Lage in Spanien. Dabei ist es genau das, was der katholischen Bischofskonferenz eine nie dagewesene Aufmerksamkeit des im Wahlfieber befindlichen Spanien verschafft hat: Für ein paar Stunden ist die Frage, ob Blázquez wiedergewählt wird, interessanter als der nationale Parlamentswahlkampf.

Der Grund: Seit dem Wahlsieg des Sozialisten José Luis Rodríguez Zapatero vor vier Jahren stehen sich Spaniens katholische Kirche und die linke Regierung in einem erbitterten Kulturkampf gegenüber.

Seit 2004 sind die Bischöfe wiederholt auf die Straße gegangen, haben gegen die Homo-Ehe, die Bildungsreform und im Vorwahlkampf auch "für die Familie" demonstriert, zuletzt warfen sie der Regierung vor, die Demokratie aufzulösen und riefen ihre Anhänger weitgehend unverhohlen dazu auf, am Sonntag die konservative Volkspartei PP zu wählen.

In den Umfragen liegen allerdings die Sozialisten leicht vorne. Und das wiederum hat Rückwirkungen auf die Wahl des Vorsitzenden der Bischofskonferenz (CEE). Zwar gilt die ungeschriebene Regel, dass jedem CEE-Vorsitzenden, so er nicht gerade silberne Kelche stibitzt hat, mindestens ein zweites Mandat eingeräumt wird. Eine Abwahl des 2005 gewählten Blázquez käme einer Ohrfeige gleich.

Dinner mit Zapatero

Andererseits hat sich in den vergangenen Monaten hartnäckig das Gerücht gehalten, dass es den ebenso einflussreichen wie ultrakonservativen Madrider Erzbischof Antonio María Rouco Varela zurück an die Spitze der Bischofskonferenz drängt. Es wäre für ihn die letzte Möglichkeit, sich noch einmal an die Spitze des Klerus zu stellen, denn er wird bald 72 Jahre alt.

Es wäre die Gelegenheit, die Politik offen zu bestimmen, statt bloß im Hintergrund die Fäden zu ziehen. Die Frage also ist taktischer Natur: Sollen die Bischöfe dem mutmaßlichen Wahlsieger José Luis Zapatero Konfliktbereitschaft oder Friedenswillen signalisieren?

Unklar ist, welche Botschaft der Vatikan vorzieht. Auch für ihn ist der Kulturkampf in Spanien von immenser Bedeutung. Rom fürchtet, allzu viele Reformen könnten in Lateinamerika Nachahmung finden. So gesehen darf sich Spaniens Kirche wieder einmal als eine Art "geistige Reserve des Okzidents" fühlen - wie zu Zeiten der Diktatur Francisco Francos (1939 bis 1975). Bemerkenswert war, dass sich der Nuntius mit Zapatero unlängst zu einem lange verabredeten Dinner traf.

Wie sehr das Treffen den Falken im Klerus aufstieß, das war anderntags aus der Häme herauszuhören, die von Federico Jiménez Losantos ausgeschüttet wurde, dem Starmoderator des Radiosenders Cope der Bischofskonferenz.

Es sei ein Wunder, dass Zapatero und Ratzingers Mann die Nuntiatur nicht schunkelnd verlassen hätten, nach so edlem Wein von der Ribera del Duero, höhnte er. Andererseits dürfte auch Spaniens Klerus an gut geölten Beziehungen zur Regierung interessiert sein. Schließlich hat Zapatero die staatlichen Zuwendungen an die Kirche aufgestockt. "Wir können unsere Richtung auch ändern", sagte er nun so vage wie vielsagend der Zeitung La Vanguardia.