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Sexueller Missbrauch:DDR-Heimkinder schildern massive Übergriffe

In DDR-Heimen sollen sich Erzieher an Kindern vergangen haben. Auch Eliteschulen kommen nicht aus den Schlagzeilen: In Salem wollte ein Erzieher einen Elfjährigen vergewaltigen.

Nicht nur Opfer von Gewalt und sexuellen Übergriffen in kirchlichen Einrichtungen brechen ihr Schweigen, auch Fälle aus anderen Schulen und Institutionen werden nun bekannt: Einem Bericht des Tagesspiegel zufolge sind auch in Heimen der DDR Kinder und Jugendliche sexuell missbraucht worden.

Die Leiterin der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof Torgau, Gabriele Beyler, sagte der Zeitung, bei ihr hätten sich bislang 25 ehemalige Insassen von DDR-Kinderheimen gemeldet, die von massiven sexuellen Übergriffen durch Erzieher berichteten.

Weitere Berichte seien bei dem CDU-Bundestagsabgeordneten Manfred Kolbe eingegangen, in dessen Wahlkreis Torgau liegt. Auch bei dem vom Freistaat Thüringen eingesetzten Berater für SED-Opfer, Manfred May, meldeten sich verstärkt Betroffene. Beide hatten unter dem Eindruck der jüngsten Missbrauchsdebatten über Fälle in der alten Bundesrepublik kürzlich einen Aufruf veröffentlicht, in dem sie Betroffene aufforderten, über traumatische Erlebnisse in DDR-Heimen zu berichten.

Schülerinnen nahe Fulda missbraucht?

Die bis jetzt bekanntgewordenen Fälle, in denen es um sexuellen Missbrauch an sechs- bis 17-Jährigen in unterschiedlichen Heimen gehe, sind nach Ansicht Beylers nur die Spitze des Eisbergs, wie der Tagesspiegel berichtet. Insgesamt gab es in der DDR 474 staatliche Kinderheime. Davon waren 38 sogenannte Spezialkinderheime und 32 Jugendwerkhöfe, in denen jene Kinder verwahrt wurden, die als schwer erziehbar und verhaltensauffällig galten. Kolbe sagte dem Tagesspiegel, der sexuelle Missbrauch in diesen Heimen scheine "einen beachtlichen Umfang gehabt zu haben".

In einem Brief an Familienministerin Kristina Schröder (CDU) hatte Kolbe gefordert, Vertreter der Gedenkstätte Torgau am geplanten Runden Tisch zur Aufarbeitung der sexuellen Übergriffe zu beteiligen, der am 23. April zum ersten Mal tagen soll. Das Thema müsse gesamtdeutsch aufgearbeitet werden.

Ähnlich äußerte sich Leiterin der Gedenkstätte Geschlossener Jugendwerkhof im sächsischen Torgau, Gabriele Beyler: "Wir müssen die Fälle für Ost und West zeitgleich aufklären", forderte sie. Sie hatte Mitte März unter dem Eindruck der Missbrauchsfälle in Berlin und in den alten Bundesländern Betroffene aufgerufen, über entsprechende traumatische Erlebnisse in DDR-Heimen zu berichten. Bislang haben sich 25 Männer und Frauen bei ihr gemeldet. "Es gibt in Stasi-Unterlagen Hinweise darauf", sagte sie mit Blick auf die nun bekannt gewordenen Missbrauchsfälle.

Derweil mehren sich die Berichte über Missbrauchsfälle in Westdeutschland. Die Fuldaer Zeitung schreibt, die Hermann-Lietz-Schule auf Schloss Bieberstein im Kreis Fulda sei mit dementsprechenden Vorwürfen konfrontiert.

In einem anonymen Brief, der dem Blatt zugespielt worden sei, würden Mitarbeiter des Internats - allesamt keine Pädagogen - namentlich beschuldigt, in den 1970er Jahren Schülerinnen missbraucht zu haben. Die Staatsanwaltschaft habe Ermittlungen aufgenommen.

Die elitäre Privatschule - vor allem Bildungsstätte für Kinder wohlhabender Eltern - habe in den vergangenen Tagen 5000 ehemalige Schüler und deren Eltern angeschrieben und gebeten, mögliche sexuelle Übergriffe aus der Vergangenheit zu melden.

Vergewaltigsversuch vor Weihnachten

Auch das renommierte Internat Salem kommt nicht aus den Schlagzeilen: Dem Spiegel liegt ein Strafurteil vor, demzufolge es kurz vor Weihnachten 2004 einen Vergewaltigungsversuch gegeben hat.

Ein Erzieher habe einem elfjährigen Schüler nachts den Rücken massiert, geküsst und "versucht, dessen Beine auseinanderzuschieben".

Weiter heißt es im Urteil des Amtsgerichts Stockach gegen den 24-jährigen Erzieher: "Mit seinem erigiertem Penis berührte er den Jungen am Po", er habe versucht, dem Schüler die Hose herunterzuziehen und weitere sexuelle Handlungen vorzunehmen.

Da sich der Elfjährige massiv gegen die Übergriffe gewehrt habe, ließ der Erzieher von ihm ab. Für seine Tat wurde er zu einer Freiheitsstrafe von acht Monaten auf Bewährung verurteilt.

Der damalige Direktor von Salem, Bernhard Bueb, hatte bislang von einem vergleichsweise harmlosen Vorfall gesprochen. Inzwischen hat er seine Einschätzung korrigiert.

Dem Magazinbericht zufolge sind inzwischen drei weitere, zum Teil lange zurückliegende Vorfälle aus dem Elite-Internat angezeigt worden.

© sueddeutsche.de/dpa/odg
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