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Schweigen um Missbrauch:Es kann nicht sein, was nicht sein darf

Leidende Kinder sind lästig: Missbrauchsopfern wurde lange nicht geglaubt, weil ihre Nöte Mut und Solidarität erfordert hätten.

Verschwiegen, verdrängt, verjährt - diese Trias ist ein Charakteristikum im Umgang mit jenen unerträglich vielen Missbrauchsfällen in Kirche, Schulen, Internaten, Vereinen, Familien, die derzeit in einer Woge immer neuen Offenbarungen an die Öffentlichkeit drängen. Jeden Tag ein neuer Fall, fast jeden Tag eine neue Institution: Eine traurige Ermüdung setzt ein, und der Schock über versagende Autoritäten sowie bröckelnde Gewissheiten paart sich mit der ratlosen Frage: Warum kamen - und kommen - viele Täter oft so lange, zu lange oder für immer davon?

Mütter schauen weg

Gelitten, geredet, nicht gehört - das ist die zweite Trias, die Missbrauch begleitet wie eine schwarze, hohe Mauer. Denn natürlich haben viele Opfer Signale der Not gesendet; Kinder, denen Gewalt angetan wird, tun das. Aber diese wurden nicht erkannt, ignoriert. Jugendliche werden depressiv, entwickeln Essstörungen, werden Bettnässer, ritzen sich die Haut auf, kämpfen mit Leistungsabfall - all das sind keine zwingenden, aber mögliche Indikatoren für Missbrauch, die verstanden sein wollen. Kinder haben gesprochen, haben sich ihren Eltern anvertraut; ihnen wurde nicht geglaubt, weil nicht sein darf, was Lebensgewissheiten in Frage stellt.

Psychologen, die Missbrauchsopfer behandeln, berichten immer wieder darüber, dass Väter sich an Mädchen vergehen - und Mütter wegschauen. Weil sie sonst ihre Ehemänner stellen, Konsequenzen ziehen, eigenen Traumata begegnen müssten. Jugendlichen, die Misshandlungen oder Missbrauch in scheinbar ehrbaren Einrichtungen andeuteten, wurde nicht geglaubt, weil weltliche und göttliche Hierarchien in Frage gestellt würden, hätte man die Klagerufe ernst genommen. Und weil Kinder als Opfer lästig sind, weil ihre Not Solidarität, Zeit und Entscheidungen erfordert.

Liebe gegen Angst

Geschämt, geschwiegen, gestorben - das ist die dritte Trias, die Missbrauch prägt. Der seelische Tod ist nicht selten die Folge von Gewalterfahrungen: Dass Vertrauen missbraucht, Gefühl manipuliert und Abhängigkeit ausgenutzt wurde, nimmt Opfern den Atem, manchmal ein Leben lang. Wenn der Vater von der Tochter, der Lehrer vom Schüler Sex erzwingt, steht Liebe oder Loyalität gegen Angst; es steht die Scham, Opfer zu sein, gegen die innere Autonomie, Verhasstes zu verneinen.

Missbrauch in der Familie bleibt oft unentdeckt, weil Kinder ihre Familie schützen, geliebte Menschen - und auch sich selbst - nicht bloßstellen wollen. Missbrauch von Männern an Jungen ruft doppelte Scham hervor: Homosexualität gilt bis heute, trotz aller Toleranz, als eine Art Makel; wer sich als Pädophilie-Opfer outet, fürchtet den Ekel in den Augen der anderen.

An der Scham erstickt

Geschwiegen, geschämt, Suizid begangen: Erwachsene, die in ihrer Kindheit missbraucht wurden, haben ein drei bis vier Mal höheres Selbstmordrisiko als andere Menschen. Die Berichte über Missbrauch an katholischen Einrichtungen und an der Odenwaldschule enthielten, in Nebensätzen, einige Mal den Hinweis darauf, dass Zeugen nicht mehr befragt werden könnten, weil sie in den Tod gegangen seien. Den Freitod wählt, wer an seiner Scham erstickt.

Nun plötzlich wird viel geredet, gestanden, gebeichtet - manchmal befreit, oft gequält. Warum erst jetzt? Natürlich auch, weil Lehrer, Vorgesetzte und Behörden sich nicht mehr entziehen können und die Hoffnung der Opfer auf Gehör wächst. Aber vor allem, weil in der Menge die Sicherheit zunimmt, mit dem eigenen Schicksal zwar gesichtslos zu sein - aber doch mitgetragen zu werden. Nach wie vor wollen die meisten Erwachsenen, die in ihrer Kindheit oder Jugend Missbrauch erlebt haben, anonym bleiben; sie wollen vermeiden, dass sie in der Öffentlichkeit mit Schuldgefühlen, Unverständnis, vor allem aber mit Ablehnung konfrontiert werden, weil sie geschwiegen haben. Dabei hat oft nur das Schweigen die Würde gerettet.

© SZ vom 27.03.2010/holz

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