Schwarze in den USA "Die schwarze Familie ist tot"

Die Afro-Amerikaner jubelten, als Barack Obama die Präsidentschaftswahl gewann. Warum sich für Schwarze trotzdem nichts ändern wird, erklärt der Experte für Rassenbeziehungen, Shelby Steele.

Interview: Christine Brinck

SZ: Die Wahl Obamas hat bei vielen Menschen die Vorstellung beflügelt, dass nun alles besser wird für die Schwarzen.

Das schwarze Amerika jubelte, als Barack Obama die Präsidentschaftswahl gewann.

(Foto: Foto: AFP)

Shelby Steele: Tja, ich glaube nur leider nicht an diese Wirkung.

SZ: Sie glauben nicht, dass die Kinder in der Schule mehr arbeiten, weil sie ein Vorbild im Weißen Haus haben? Sind das also naive Träume?

Steele: Ich fürchte, es sind europäische Träumereien. In den Sechzigern kam die Idee des Rollenmodells auf. Schwarze Kinder versagten, weil sie keine schwarzen Lehrer hatten. Nun, wir haben schwarze Lehrer bekommen und schwarze Kinder versagen immer noch.

Dann hieß es, es liegt daran, dass wir keine schwarzen Bürgermeister haben. Wir haben schwarze Bürgermeister in jeder größeren Stadt bekommen, die Großstadtschulen schneiden schlechter ab als je zuvor, und die Prüfungsergebnisse schwarzer Schüler fallen immer mehr ab.

SZ: In Ihrer Zusammenfassung klingt das aber deprimierend.

Steele: Allem Anschein nach hat sich die Idee des Rollenmodells jedenfalls nie bewahrheitet. Obama ist ein schwarzer Mann im Weißen Haus, und das können wir alle bewundern, aber er wird nicht die Schulleistungen der schwarzen Kinder verändern oder steigern.

SZ: Warum ist die Lücke, die zwischen den Leistungen schwarzer, weißer oder asiatischer Schüler klafft, eigentlich immer noch so enorm?

Steele: Die Gründe für diese Leistungsunterschiede sind tief und profund und werden nicht einfach verschwinden durch die kulturelle Symbolik der Wahl Obamas. Ich werde mal einige davon aufspießen.

SZ: Bitte.

Steele: Die Probleme beginnen in der Familie. Es gibt eine Rate von siebzig Prozent unehelicher Geburten, in manchen Großstadtzonen wie etwa in South Central Los Angeles oder Compton, Teilen der South Side von Chicago und so fort schnellt diese Zahl auf 80 und 90 Prozent empor.

SZ: Und was bedeutet das?

Steele: Das heißt: Die schwarze Familie ist schlicht tot in diesen Bezirken. Schwarze Frauen heiraten nur halb so oft wie weiße Frauen, werden aber doppelt so oft geschieden. Wer nicht zwei Eltern hat, wem die Familienstabilität, ob schwarz oder weiß, fehlt, der wird nicht so gut zurechtkommen wie andere Kinder, die diese Probleme nicht haben.

Hinzu kommt die in solchen sozialen Schichten verbreitete Art, Kinder aufzuziehen. 400 Jahre Unterdrückung führen unausweichlich dazu, dass man Kinder anders erzieht als wenn man mit den Möglichkeiten der Freiheit lebt wie heute. Für uns Schwarze ist dieses Leben immer noch neu. Wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns, unsere Kinder von Geburt an zu erziehen, sie zu stimulieren, ihnen vorzulesen, mit ihnen zu reden, ihnen gegenüber positiv eingestellt zu sein.

SZ: Der Harvard-Psychiater Alvin Poussain hat wiederholt auf die Praxis körperlicher Züchtigung und ihre Folgen hingewiesen. Prügeln schwarze Eltern tatsächlich mehr als andere?

Steele: Schwarze Kinder erleben insgesamt mehr physische Gewalt als andere Kinder. Schwarze Buben zeigen oft schon im Alter von zwei und drei Jahren, also lange, bevor sie überhaupt auf die weiße Welt treffen, Zeichen großer Wut. Das hat tatsächlich oft mit den Methoden und der Art zu tun, wie sie erzogen werden.

SZ: Vor der Bürgerrechtsgesetzgebung in den sechziger Jahren war die schwarze Familie aber noch intakt, oder?

Steele: Absolut.

SZ: Die Dinge haben sich also durch etwas grundweg Positives verschlechtert. Wie konnte das passieren?

Steele: Wie viele Stunden geben Sie mir?

SZ: So viel Sie wollen.

"I do solemnly swear ..."

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