Süddeutsche Zeitung

Schwarze in den USA:"Die schwarze Familie ist tot"

Lesezeit: 8 min

Die Afro-Amerikaner jubelten, als Barack Obama die Präsidentschaftswahl gewann. Warum sich für Schwarze trotzdem nichts ändern wird, erklärt der Experte für Rassenbeziehungen, Shelby Steele.

Christine Brinck

SZ: Die Wahl Obamas hat bei vielen Menschen die Vorstellung beflügelt, dass nun alles besser wird für die Schwarzen.

Shelby Steele: Tja, ich glaube nur leider nicht an diese Wirkung.

SZ: Sie glauben nicht, dass die Kinder in der Schule mehr arbeiten, weil sie ein Vorbild im Weißen Haus haben? Sind das also naive Träume?

Steele: Ich fürchte, es sind europäische Träumereien. In den Sechzigern kam die Idee des Rollenmodells auf. Schwarze Kinder versagten, weil sie keine schwarzen Lehrer hatten. Nun, wir haben schwarze Lehrer bekommen und schwarze Kinder versagen immer noch.

Dann hieß es, es liegt daran, dass wir keine schwarzen Bürgermeister haben. Wir haben schwarze Bürgermeister in jeder größeren Stadt bekommen, die Großstadtschulen schneiden schlechter ab als je zuvor, und die Prüfungsergebnisse schwarzer Schüler fallen immer mehr ab.

SZ: In Ihrer Zusammenfassung klingt das aber deprimierend.

Steele: Allem Anschein nach hat sich die Idee des Rollenmodells jedenfalls nie bewahrheitet. Obama ist ein schwarzer Mann im Weißen Haus, und das können wir alle bewundern, aber er wird nicht die Schulleistungen der schwarzen Kinder verändern oder steigern.

SZ: Warum ist die Lücke, die zwischen den Leistungen schwarzer, weißer oder asiatischer Schüler klafft, eigentlich immer noch so enorm?

Steele: Die Gründe für diese Leistungsunterschiede sind tief und profund und werden nicht einfach verschwinden durch die kulturelle Symbolik der Wahl Obamas. Ich werde mal einige davon aufspießen.

SZ: Bitte.

Steele: Die Probleme beginnen in der Familie. Es gibt eine Rate von siebzig Prozent unehelicher Geburten, in manchen Großstadtzonen wie etwa in South Central Los Angeles oder Compton, Teilen der South Side von Chicago und so fort schnellt diese Zahl auf 80 und 90 Prozent empor.

SZ: Und was bedeutet das?

Steele: Das heißt: Die schwarze Familie ist schlicht tot in diesen Bezirken. Schwarze Frauen heiraten nur halb so oft wie weiße Frauen, werden aber doppelt so oft geschieden. Wer nicht zwei Eltern hat, wem die Familienstabilität, ob schwarz oder weiß, fehlt, der wird nicht so gut zurechtkommen wie andere Kinder, die diese Probleme nicht haben.

Hinzu kommt die in solchen sozialen Schichten verbreitete Art, Kinder aufzuziehen. 400 Jahre Unterdrückung führen unausweichlich dazu, dass man Kinder anders erzieht als wenn man mit den Möglichkeiten der Freiheit lebt wie heute. Für uns Schwarze ist dieses Leben immer noch neu. Wir haben noch eine Menge Arbeit vor uns, unsere Kinder von Geburt an zu erziehen, sie zu stimulieren, ihnen vorzulesen, mit ihnen zu reden, ihnen gegenüber positiv eingestellt zu sein.

SZ: Der Harvard-Psychiater Alvin Poussain hat wiederholt auf die Praxis körperlicher Züchtigung und ihre Folgen hingewiesen. Prügeln schwarze Eltern tatsächlich mehr als andere?

Steele: Schwarze Kinder erleben insgesamt mehr physische Gewalt als andere Kinder. Schwarze Buben zeigen oft schon im Alter von zwei und drei Jahren, also lange, bevor sie überhaupt auf die weiße Welt treffen, Zeichen großer Wut. Das hat tatsächlich oft mit den Methoden und der Art zu tun, wie sie erzogen werden.

SZ: Vor der Bürgerrechtsgesetzgebung in den sechziger Jahren war die schwarze Familie aber noch intakt, oder?

Steele: Absolut.

SZ: Die Dinge haben sich also durch etwas grundweg Positives verschlechtert. Wie konnte das passieren?

Steele: Wie viele Stunden geben Sie mir?

SZ: So viel Sie wollen.

Steele: Okay. Als ich ein Kind war, gab es in unserer rein schwarzen Nachbarschaft im segregierten Chicago nur eine einzige Familie, in der es keinen Vater gab. Alle anderen Kinder hatten einen; ob sie ihn mochten oder nicht, war natürlich wieder eine andere Sache.

In den Sechzigern kam dann die Wohlfahrtspolitik, die jeder unverheirateten Mutter ein Minimum an Lebenskosten zahlte, und das für ein ganzes Leben. Diese Politik war familienfeindlich. Hinzu kam die sexuelle Revolution, wiederum ein Anreiz, nicht zu heiraten, oder, falls man schon verheiratet war, es nicht um jeden Preis zu bleiben. Dies alles zusammen zerstörte die schwarze Familie in einer Weise, die die Segregation nie geschafft hat.

SZ: Aber warum haben sich Prügelstrafen so durchgesetzt? Wir kennen aus Filmen und der Literatur doch eher die überfürsorglichen Nannys . . .

Steele: . . . die allerdings immer weiße Babies verhätscheln, ja. Die Prügel in den schwarzen Familien sollen die Kinder schon einmal auf die harte Welt da draußen vorbereiten. Nur wird ihr Selbstwertgefühl stattdessen häufig unterminiert. Es ist eines der schlimmsten Zeichen der eigenen Unterdrückung, wenn man sein Kind schlecht behandelt und erniedrigt, um es rechtzeitig zu wappnen.

SZ: Mit anderen Worten: Erniedrigung als Schutz?

Steele: Ja, nach der Logik: Ich schubse mein Kind herum, bevor die Welt es macht. Das sind Erziehungsmaßnahmen von Sklaven. Leider sind sie immer noch weit verbreitet.

Und so sieht man etwa ab dem Alter von zwei Jahren die IQs vieler schwarzer Kinder abfallen. Ihnen wurde nicht vorgelesen, mit ihnen wurde kaum gesprochen, sie wurden niedergemacht. Später sind sie untereinander gewalttätig, sie machen Ärger in der Schule und so fort.

SZ: Und derlei Verhalten wird immer weitergereicht . . .

Steele: . . . ganz genau. Schrecklich deutlich ist das in den Nachmittagsshows zu sehen. Dauernd wird auf Gewalt verwiesen, die Mütter ihren eigenen Kindern angedeihen lassen. Fast jeder schwarze Entertainer erzählt davon, wie seine Mutter ihn geohrfeigt hat, ob im Supermarkt oder zu Hause.

SZ: Wie war das in Ihrer eigenen Familie?

Steele: Ich hatte Glück, mein Vater glaubte nicht an diese Praxis, er hasste sie sogar und predigte auch allen anderen immer wieder, dass sie ihre Kinder nicht schlagen sollten, schon gar nicht ins Gesicht. Aber es scheint da unter ihnen so eine Art perversen Stolz zu geben: Wir sind anders als die Weißen, wir lassen unsere Kinder gar nicht erst frech werden.

SZ: Hat denn die Bürgerrechtsbewegung keine positiven Auswirkungen gehabt?

Steele: Doch, natürlich, es gibt einen deutlichen Sprung seit den sechziger Jahren, was Lebensqualität, Chancengleichheit und Akzeptanz angeht. Aber die 400 Jahre Unterdrückung wirken leider weiter. Es wird Menschen geben wie mich oder Obama oder Bill Cosby oder viele andere, die wir alle kennen, die einfach Glück hatten, weil sie Eltern hatten, die den Pfad in die moderne Welt einschlugen.

Für die schwarze Gemeinschaft insgesamt aber ist es ein harter Weg: Auf einmal haben sie all die Freiheiten, die sie immer wollten - aber trotzdem können sie häufig nicht mithalten. Diejenigen, die in der modernen Welt zurechtkommen, die gedeihen wunderbar und kommen fabelhaft voran. Diejenigen, denen das nicht so schnell gelingt, für die wird es sogar schlimmer. Für sie ist die Freiheit fast eine Demütigung.

SZ: Auch nach fünfzig Jahren Chancen?

Steele: Gerade darum, das Urteil fällt noch negativer aus: Sie kommen nicht voran, obwohl sie doch frei sind, obwohl sie einen schwarzen Präsidenten haben.

SZ: Ein Obama im Weißen Haus ist kein Ansporn, nicht mal ein Trost?

Steele: Ganz genau, das ist, was Obamas Präsidentschaft auch bedeutet, dass man sich beim Versagen noch mieser fühlt als früher schon. Schwarze können keinen Halt mehr in der Idee finden, dass sie unterdrückt sind. Das Leiden wird größer, weil kein Trost bleibt.

SZ: Man kann die Weißen nicht mehr verantwortlich machen, wenn im Weißen Haus zwei Schwarze sitzen, die in Princeton und Harvard waren, deren Kinder eine Quäkerschule besuchen - Leute also, die sogenannte weiße Werte leben?

Steele: Ja, aber ganz so einfach ist es nicht. Kinder, ob schwarz oder weiß, sind gut in der Schule, wenn ihre Eltern sie lieben, wenn sie respektiert und ermuntert werden. Wenn alle kulturellen Normen eingehalten werden.

Wenn ein Kind stattdessen vier-, fünfmal am Tag ins Gesicht geschlagen und mit Flüchen beladen wird, wird es versagen. Jetzt kapiert der Einzelne, dass wenn er die Normen hätte, wenn er ein anderer wäre, wenn er sich gewissermaßen transformieren könnte, dann könnte er wie Obama sein.

Nun wird ihm klar, dass mit ihm etwas nicht stimmt, dass er gestört ist. Auf einmal ist meine Rasse nicht mehr eine Sache des Stolzes, plötzlich trägt meine Rasse das Stigma der Funktionsstörung.

SZ: Aber: Zum ersten Mal diskutieren schwarze Intellektuelle vermehrt über diese Probleme, oder?

Ja. Sie stellen Fragen: Was stimmt mit uns nicht? Was müssen wir tun, um voranzukommen? Wir haben vierzig Jahre damit verbracht, uns zu beschweren. Mitten in der Freiheit handelten wir, als wären wir nicht frei. Warum können wir nicht mithalten? Das sind schmerzliche Fragen.

SZ: Dieses "Wir" kann sich nicht nur auf die Hautfarbe beziehen, denn die Äthiopier oder Ghanaer etwa, die nach Amerika einwandern, kommen angeblich sehr gut zurecht.

Steele: Ja, und sie mögen amerikanische Schwarze nicht. Sie würden nie in South Central leben.

SZ: Wieso hat die schwarze Führung, wieso haben sich die Priester nicht mehr eingesetzt? Bill Cosby wurde Verräter genannt, als er durch schwarze Schulen und Gemeinden zog und die Menschen aufforderte, sich anzustrengen.

Steele: Die schwarze Führung ist eben keine Führung, sondern eine einzige Demagogie, die die Idee lebendig hält, dass Schwarze unter Rassismus leiden. Sie wollen nicht, dass jemand sagt, dass unsere Probleme unsere eigenen sind und dass wir sie lösen müssen.

Wir wären weit besser dran ohne jede schwarze Führung. Wenn ich einen Zauberstab hätte, würde ich all diese wertlosen Organisationen, die Millionen im Jahr einsacken, abschaffen. Sie leben nur von weißem Geld, das aus Schuldgefühlen gegeben wird. Thomas Sowell, der lange vor Bill Cosby der schwarzen Gemeinschaft den Spiegel vorhielt, wurde genauso niedergemacht. Leute wie sie bedrohen die raison d'être der schwarzen Führung,

SZ: Von Martin Luther King kann die Führung es nicht haben. Er hat stets betont, dass sich die Schwarzen zuallererst von der Idee verabschieden müssen, dass sie nicht die Herren ihres Schicksals seien.

Steele: So ist es. Die Ironie ist, in Compton, Oakland, South Central oder der Bronx werden die Schwarzen ja nicht durch die weißen Unterdrücker niedergehalten, sondern durch ihre eigenen Gangs.

SZ: Sie beschreiben eine so trostlose Pathologie, dass man sich fragt, was ein schwarzer Präsident, eine schwarze Familie im Weißen Haus daran ändern kann.

Steele: Solange den Schwarzen Hilfe aufgezwungen wird, kann sich nichts ändern.

SZ: Würden Sie Affirmative Action, die Unterstützungsmaßnahmen wie den erleichterten Zugang zu Universitäten für die Farbigen, wieder abschaffen?

Steele: Je schneller, desto besser. Wenn man alles umsonst bekommt, wie soll man dann je lernen, Dinge zu erwerben? Ermuntere mich zum Wettbewerb, fordere etwas von mir und biete mir etwas dafür! Die Regierung kommt immerfort mit neuen Gesetzen, die die Menschen, denen sie helfen sollen, nur schwächen. Warum werden sie nicht besser? Weil es keinen Grund gibt, besser zu werden. Je schwächer wir werden, desto mehr kriegen wir.

SZ: Und was kann Obama ganz konkret für die Schwarzen tun?

Steele: Er könnte ehrlich sein. Er sollte deutlich aussprechen, welche Probleme die schwarze Gemeinschaft hat, und er müsste auch sagen, dass diese Probleme nichts mehr mit weißem Rassismus zu tun haben. Sie haben zu tun mit den Verstörungen, die den einst Unterdrückten innewohnen. Das heißt: wir müssen uns im wahrsten Sinne des Wortes kulturell neu erfinden.

SZ: Erwarten Sie irgendwann eine Ansprache dieser Art von Obama?

Steele: Er wird nichts dergleichen sagen, er wird nichts verändern. Er wird einfach nur ein Schwarzer im Weißen Haus sein. Und irgendwann kommt ein neuer Präsident.

SZ: Das von Obama während des Wahlkampfs angemahnte Gespräch über Rasse wird es also nicht geben?

Steele: Nicht in dieser Administration. Sie werden nicht einmal über die Quotenregelung der Farbigen diskutieren. Weiße reden nicht ehrlich über Rasse, das ist ein schrecklicher Verlust, weil dadurch so viele Aspekte der eigenen Gesellschaft nicht mehr diskutiert werden können. Und die Schwarzen sind abhängig von weißer Schuld. Wir haben es hier mit einer Symbiose zu tun von allem, was schlecht und schwach bei den Weißen und was schlecht und schwach bei den Schwarzen ist.

SZ: Wir müssen uns also darauf einstellen, dass South Central bleibt was es ist?

Steele: Ehrlich gesagt: Mehr als das. Es wird sich alles nur noch mehr festsetzen.

Shelby Steele, 62, ist Research Fellow an der Hoover Institution der Stanford University. Er war Professor für Anglistik. Er ist Autor von "The Content of our Character", "A Dream Deferred", "White Guilt" und "Obama". Für seinen Fernsehfilm "Seven Days in Bensonhurst" erhielt er einen Emmy und den Peis der Writers Guild. 2004 verlieh ihm der US-Präsident die National Humanities Medal für seine Forschung auf dem Gebiet der Rassenbeziehungen. Er lebt in Kalifornien, ist mit der Psychologin und Photographin Rita Steele verheiratet und hat zwei erwachsene Kinder.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.108320
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ vom 04.07.2009
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.